Zeit fürs Wesentliche

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08.01.2020 Eine turbulente Laufbahn und ein Entschluss, der zum richtigen Zeitpunkt gefasst wurde - Ferdinand Liedtke, bis vor kurzem noch BR-Vorsitzender bei medifa metall+medizintechnik, blickt zurück.

Es gibt Entscheidungen im Leben, bei denen man sich hinterher fragt, warum man sie eigentlich traf. Entscheidungen, die sich später als genau richtig erweisen, weil in der Zwischenzeit Dinge eingetreten sind, von denen man zum Zeitpunkt des Entschlusses noch nichts ahnen konnte. Und die ein ganzes Leben verändern können.

Wie bei Ferdinand Liedtke. Der frühere Betriebsratsvorsitzende bei Stahl, Metall und Medizintechnik (vormals Stahl, Medikomp, Maquet, Medifa....) setzte vor drei Jahren seine Unterschrift unter die Papiere zur Altersteilzeit. Ohne dass er eigentlich einen dringenden Bedarf erkannte. "Ich war mehr als zufrieden mit meiner Arbeit als Betriebsrat, war glücklich dabei", erinnert sich Ferdinand Liedtke heute. "Meine Frau und ich standen mitten im Leben, es ging uns blendend, wir dachten an alles Mögliche, nur nicht an Rente."

Doch dann kam alles anders: Große gesundheitliche Probleme in der Familie, das mit Abstand aufreibendste und frustrierendste Jahr und die wohl herbste Enttäuschung in Liedtkes Laufbahn als Betriebsrat.

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Treffpunkt Küche

Wer Ferdinand Liedtke in seiner Wohnung in Hügelsheim besucht, wird gleich in die Küche gebeten. Nix "gute Stube und nehmen Sie doch Platz auf dem Kanapee", sondern ein großer Tisch quer vor der Kochecke - reichlich Platz für Familie und Gleichgesinnte. Eben solche, die den Charme und das Gemütliche einer Wohnküche ähnlich zu schätzten wissen wie Ferdinand.

Obwohl "Ferdi", wie er von Kolleg*innen und Freund*innen genannt wird, keineswegs zu den Ewiggestrigen zählt, die alles längst Vergangene grundsätzlich besser finden als die Gegenwart, sind wir doch schnell in unserer Unterhaltung in den Anfängen seines beruflichen Werdegangs. Wie das ebenso ist beim "Blick zurück nach vorn!"

"Das waren schon wilde Zeiten damals", schwärmt er. Von der Hauptschule ging er als 15jähriger direkt zur Stierlen Maquet, um dort eine Ausbildung zum Maschinenschlosser zu absolvieren. 3,5 Lehrjahre, und in dieser Zeit hatte der junge Liedtke gleich seine ersten und durchaus prägenden Erlebnisse als Gewerkschafter. "Damals war es noch so, dass man sofort in den ersten Tagen der Ausbildung vom Meister oder einem Betriebsrat angesprochen wurde, ob man nicht in die Gewerkschaft wolle. "Die Mitgliedschaft bei den Metallern war eine Selbstverständlichkeit", erinnert sich Liedtke. "Und nach meinen ersten Aktionen als Gewerkschafter war sie auch irgendwie Ehrensache geworden!"

"Schranke hoch!"

1972 hatte er seine Ausbildung begonnen und nur wenige Monate später saß Ferdinand Liedtke mit seinen Kollegen in einer ersten Sitzdemo und versperrte die Tore zum Werk: "Kein Einlass - Warnstreik!"
Doch was für alle galt, konnte nicht für den damaligen Chef des Unternehmens gelten. Der kam im protzigen Fahrzeug vor Tor 1 angefahren, schnauzte den Pförtner an, er solle gefälligst die Schranke öffnen und gab dann Gas. "Wären wir Streikenden nicht im letzten Moment auf- und zur Seite gesprungen, hätte das alles böse enden können!", erinnert sich Liedtke kopfschüttelnd. "Eine Situation, die mir erstmals klar machte, dass es Gewerkschaften, den Kampf für die Rechte der Beschäftigten und eine Solidarität unter den Beschäftigten nicht umsonst gibt!"

Nach der Ausbildung lebte Ferdi Liedtke das "ganz normale Leben eines Arbeiters", wie er das heute bezeichnet. Zunächst war er in der Produktion von Arztpraxis-Möbeln beschäftigt, worauf er 20 Jahre lang gewerbliche Geschirrspülmaschinen schweißte. Auf die harte Arbeit, teils über Kopf schweißend, angesprochen, zuckt er nur mit den Schultern. "Du bist jung, hast einen gut bezahlten Job, bist körperlich fit - das passte schon alles für mich." Nicht zuletzt, weil es eben auch ein Leben neben der Arbeit gab: Ferdinand Liedtke spielte begeistert Fußball für seinen Ottersdorfer Verein und brillierte als Karambolage-Billardspieler. "Wir waren richtig gut auf Landesebene unterwegs, ich war schon als 17-Jähriger südwestdeutscher Landesmeister. Wir spielten mit der Mannschaft über Jahrzehnte hinweg in der höchsten Liga Baden-Württembergs. Wie ich das damals zeitlich alles unter einen Hut gebracht habe, weiß ich nicht mehr. Denn ich war ja nicht nur als Spieler aktiv, sondern auch gleich noch Pressewart und Schriftführer." Dass Ferdi Liedtke zudem kaum eine Tanzveranstaltung "im Ried" ausließ, versteht sich fast schon von selbst.

Alle, bis auf Einen!

Obwohl Liedtke mit Job und Freizeitaktivitäten schon mehr als genug beschäftigt war, hielt er bei der Arbeit weiterhin die "Augen offen". "Eine weitere, für mich prägende Situation, mag heute lapidar erscheinen, aber damals ärgerte ich mich dermaßen darüber, dass ich mir mehr Engagement für gewerkschaftliche Themen vornahm. Es ging um die Durchsetzung tariflicher Forderungen und unser damaliger Vertrauensmann forderte uns zu einem möglichst geschlossenen Auftritt beim Warnstreik auf. Tatsächlich ging die Belegschaft zahlreich nach draußen und später nach Hause, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen - bis auf den erwähnten Vertrauensmann. Der stempelte brav wieder ein und kroch zurück an seinen Arbeitsplatz!" Unnötig zu erwähnen, dass Liedtke sich bei den nächsten VL-Wahlen aufstellen ließ und gleich das Vertrauen der Belegschaft erhielt. Der Beginn einer turbulenten Karriere...

1994 kandidierte Ferdinand Liedtke zum 1. Mal als Betriebsrat bei der Maquet AG und war darauf als Ersatzmitglied bei nahezu jeder Sitzung dabei. Vier Jahre später dann die Wahl zum ordentlichen Betriebsrat der Maquet AG als Teil eines 15köpfigen Gremiums unter dem Vorsitz von Roland Walter.
Sechs Monate später eine außerordentliche BR-Wahl, nachdem die "Vorfertigung Blech" ausgegliedert worden war. Im fünf Mitglieder starken Gremium war - wie konnte es anders sein - Ferdinand Liedtke 1. Vorsitzender, aber noch nicht freigestellt. 2000 dann wieder eine gemeinsame Wahl, nachdem die Vorfertigung unter dem Namen medikomp wieder zurück zu Maquet geholt worden war. Ab 6.4. war Ferdinand Liedtke als 2. Vorsitzender freigestellt und sollte dies bis zu seiner letzten BR-Wahl 2018 (unter dem Firmennamen medifa metall und medizintechnik) bleiben.

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Spannende Zeiten

Beim Blick zurück auf seine zweieinhalb Jahrzehnte als Betriebsrat wird Ferdi dann doch etwas rührselig. Da sitzt er an seinem Küchentisch, nippt am Mineralwasser und fasst zusammen: "Ich fand das immer alles spannend. Kein Tag glich dem anderen, alles war abwechslungsreich. Und auch wenn manchmal die Verantwortung für die Belegschaft richtig schwer wiegen konnte, kam es mir doch immer wie eine Ehre vor, als Vertreter der Beschäftigten tätig sein zu dürfen", sagt Liedkte. "Es gab turbulente Zeiten, wie zum Beispiel gleich zu Beginn meiner BR-Laufbahn bei Maquet. Damals hängte die Geschäftsführung eine Liste mit den Namen von 160 Mitarbeitern aus, die aus betrieblichen Gründen entlassen werden sollten. Wie sich herausstellte, war die Liste völlig willkürlich zusammengesetzt. Nachdem wir vehement gegen so eine diskriminierende und unzulässige Praxis protestiert hatten, bekamen wir dann die Verantwortung in die Hände, die Liste zu "korrigieren". Wir mussten mit der Geschäftsleitung diskutieren, welche Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren oder behalten werden. Das war verdammt nochmal nicht leicht, glaubt mir!"

Viel erreicht, viel verloren

"Wir haben viel, sehr viel erreicht. Und wir haben zwischendurch immer mal wieder verloren. Durch den Umstand, dass bei der Vorfertigung häufig die Geschäftsführer wechselten, wurde uns nie langweilig. Wir hatten viel auszustehen, waren aber auch selbstbewusst genug, um uns immer wieder durchzusetzen.

Im Laufe der Jahre betreuten uns von der IG Metall Gaggenau immer die 1. Bevollmächtigten. Wir waren mit unseren kleinen und großen Problemen also so etwas wie "Chefsache". Zunächst bei Paul Rodenfels, dann bei Roman Zitzelsberger (jetzt Bezirksleiter) und schließlich, in besonders heftigen Zeiten, Claudia Peter."

Liedtke spielt damit auf ein Ereignis an, das er als den "SuperGAU" aller Betriebsräte betrachtet.

2015 stand die Vorfertigung bei Maquet mal wieder auf der Abschussliste. Ein neuer Geschäftsführer sollte den Laden sanieren. "Zunächst waren wir ganz begeistert, weil es sich bei ihm um einen Manager handelte, mit dem wir schon vor einigen Jahren harmonisch zusammengearbeitet hatten", erzählt Liedtke. Doch die Zeiten hatten sich geändert: Der "Neue/Alte" war wenig kompromissbereit, wollte die Belegschaft deutlich verkleinern. Beschäftigte wurden unter Druck gesetzt, neue Arbeitsverträge zu unterschreiben und zudem aufgefordert, aus der Gewerkschaft auszutreten. Und dann das: Tarifflucht par excellence! Trotz den Versprechens, den Tarif nicht "anzufassen". Der Geschäftsführer hatte angekündigt, die Tariferhöhung 2018 "nicht bezahlen zu können" und verließ mit dem Unternehmen das Tarifabkommen. "Da hast du mehr als 40 Jahre für den Tarif gekämpft und dann wird alles mit Füßen getreten", ärgert sich Ferdinand Liedtke mit bitterem Unterton.

Gelebte Solidarität

"Solche Zeiten haben aber auch ihr Positives", stellt Liedkte klar. "Unser BR-Team wurde regelrecht zusammengeschweißt und lebte echte Solidarität. Und ich begann trotz aller Enttäuschung Wegweisendes für meine Zukunft zu sehen. Denn ich hatte wirklich keine Lust mehr, mich erneut mit Geschäftsführern herumzuschlagen, die zu solch einem Vertrauensbruch fähig waren. Damals war mir dann endgültig klargeworden, dass ich mit der Altersteilzeit eine gute Wahl getroffen hatte!"
Dies sollte sich auch im Sommer 2019 auf bedauerliche Weise bestätigen. Kurz vor Eintritt in die Freistellungsphase wird Ferdinands Ehefrau schwer krank. "Jetzt habe ich die Zeit, um mich maximal zu kümmern, sie in jeder Hinsicht zu entlasten und überhaupt für sie da zu sein! Was ohne die Altersteilzeit überhaupt nicht möglich gewesen wäre!"

Also keine Reue beim Gedanken an die "frühere Rente mit gewissen finanziellen Einbußen". Im Gegenteil, meint Liedtke: Jetzt könne er loslassen, einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Die Fußballspielerei sei für einen 62jährigen sowieso vorbei, das Billardteam längst aufgelöst und nach 10 Jahren Mitgliedschaft im Hügelsheimer Gemeinderat sei auch das Lokalpolitische nun endgültig abgehakt.

"Ich habe als Betriebsrat viel erreicht", sagt Ferdinand nachdenklich. "Die Gesundheit meiner Frau steht aber jetzt an erster Stelle, außerdem beschäftigen mich meine beiden Enkel. Mein Motorrad wartet in der Garage auf mich und kleinere Radtouren rund ums Dorf finde ich auch äußerst entspannend. Klar, ich interessiere mich noch dafür, was bei "meinem" Betrieb so alles passiert und treffe mich regelmäßig mit meinen Nachfolgern. Und dennoch: Mein Leben hat einen neuen Fokus bekommen - jetzt habe ich Zeit fürs Wesentliche!"

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Letzte Änderung: 08.01.2020