Besser mit Tarif

Vorschaubild

27.09.2019 Warum startete Steffen Lange, Betriebsrat HBPO, eine Karriere als Filmstar? Und was hat das mit der Tarifanbindung zu tun? Warum "Solidarität" und "Tarif" immer in einem Zug genannt werden sollten.

Inhaltsbild

Die 3. Delegiertenversammlung und Tarifkonferenz der IG Metall Gaggenau in der Badner-Halle stand ganz im Zeichen des Tarifvertrags. Es gibt wohl kaum ein anderes Thema, bei dem sich die Vorteile und der Nutzen einer Gewerkschaft so deutlich zeigen, wie bei der tariflichen Anbindung der Betriebe. Mit Tarifvertrag sind Einkommen und Arbeitsbedingungen besser und sicherer, in den Betrieben geht es gerechter und fairer zu. Sie sind der Motor für eine echte Verteilungsgerechtigkeit und somit ein Stück gelebte Demokratie.
Gewerkschaftssekretär Bodo Seiler eröffnete die Konferenz auf etwas ungewöhnliche Weise mit der jeweils gleichen Frage an spontan ausgewählte Anwesende: "Was bedeutet für Dich Tarifbindung?"

Beim Tarif erfolgreich!

Die 1. Bevollmächtigte Claudia Peter verwies für die Region auf eine positive Entwicklung in Sachen "Tarifbindung". 2011 waren noch 71 Prozent der Beschäftigten in den betreuten Betrieben an einen Tarif gebunden. "Heute sind es 87 Prozent!" unterstreicht Peter. "Das heißt, wir waren und sind in Sachen Tarifbindung durchaus erfolgreich." Die 1. Bevollmächtigte schränkte jedoch ein: "Aber wir haben immer weniger Beschäftigte, die in Betrieben arbeiten, die an einen Flächentarifvertrag gebunden sind." Die 1. Bevollmächtige ergänzte, dass der "Takt" vom Flächentarifvertrag vorgegeben werde und somit in der Herstellung von Flächentarifbindung noch Verbesserungsbedarf bestehe.

Über die kürzlich erkämpften Tarifverträge in der Region berichtete Bodo Seiler. Nach teils harten Auseinandersetzungen mit den jeweiligen Geschäftsführungen konnten dank außerordentlichem Engagement der Beschäftigten Tarifverträge bei Pister Kugelhähne, Grammer und HBPO abgeschlossen werden. Das Logistikunternehmen Schmitt und der Kaffeemaschinenhersteller Evoca wurden zu Tarifverhandlungen aufgefordert - auch bei diesen beiden Unternehmen zeigen sich die KollegInnen höchst motiviert, sich für einen Tarifvertrag einzusetzen.

Filmisches Lehrstück

Vor allem bei HBPO, dem Frontmodulhersteller auf dem Werksgelände von Mercedes Benz Rastatt, wurden seit Ende 2018 heftig gestritten, bis die Verhandlungen und Auseinandersetzungen mit einem Tarifabschluss ein positives Ende im Sinne der Beschäftigten fanden.
Wie schwierig und zäh sich die Verhandlungen bei HBPO hinzogen und wie weit dieser Arbeitgeber beim Druck auf die Beschäftigten ging, zeigte anschließend ein 15-Minuten-Video, das erstmals gezeigt wurde.

Das Filmteam war von Beginn der Auseinandersetzungen bei HBPO mit dabei und begleitete die Beschäftigten und die IG Metall Gaggenau durch teils schwierige und emotional aufreibende Zeiten. Dabei entstanden eindringliche Aufnahmen die deutlich machen, was der Solidaritätsgedanke und ein gemeinsames Handeln bewirken kann. Trotz massiver Einschüchterungsversuche der Geschäftsleitung, z.B. der mehrfach wiederholten Drohung, im Falle eines Festhaltens an der Forderung den Standort zu schließen, standen die Beschäftigten bei HBPO zu ihrer Forderung nach einem Tarifvertrag und setzten sie konsequent mit Warnstreiks durch.

Inhaltsbild

Gut mir Tarif - geht jeden an!

In einer Gesprächsrunde berichteten verschiedene betriebliche KollegInnen von Ihren ganz persönlichen Erfahrungen hinsichtlich verschiedener Auseinandersetzungen um das Thema Tarifbindung.

Anschließend ergriff Jana Störtzer, IG Metall Gewerkschaftssekretärin, schwerpunktmäßig zuständig für die Metaller-Jugend in der Region das Wort: "Die Jugend hat für die nächste Tarifrunde Metall und Elektro klare Forderungen nach einem neuen Manteltarifvertrag Ausbildung gestellt. Hier gibt es nach 40 Jahren erheblichen Änderungsbedarf, insbesondere wenn es um Themen wie Digitalisierung geht. Die Jugend hat hierfür Kernforderungen aufgestellt, wie etwa Fahrgeldzuschuss, Einbindung von Dual Studierende in den Tarifvertrag, Lernmittel-Freiheit etc.
Dem Ganzen wollen wir mit dem "Jugendaktionstag" unter dem Motto "Das Beste für alle!" am 26. Oktober in Karlsruhe Nachdruck verleihen."

Konjunkturprobleme auch bei uns in den Betrieben?

"Schwächelt die Wirtschaft?" fragte Claudia Peter zu Beginn ihres Berichts über verschieden aktuelle Themen und gab den Anwesenden anhand des Auftragseingangs-Index in der Metall- und Elektroindustrie gleich die Antwort: Ja, aber auf hohem Niveau. Peter zeigte auf, dass vor allem Absatzprobleme beim Export hierfür verantwortlich sind. Dennoch dürfe man die schwächelnde Wirtschaft jetzt weder dramatisieren noch schönreden, ermahnte die 1. Bevollmächtigte. "Wir haben Probleme mit der Konjunktur und das merkt man so langsam eben auch bei uns in den Betrieben."

Claudia Peter verwies zudem auf den anstehenden Gewerkschaftstag und die danach im Umfeld stattfindenden Organisationswahlen in den Betrieben. Damit verbunden wurden auch die neuesten Mitgliederzahlen bei der IG Metall Gaggenau bekannt gegeben: 24.874 Mitglieder, davon 15.449 betrieblich.

Weiter berichtet die 1. Bevollmächtigte von der anstehenden Tarifrunde der Holz- und Kunststoffverarbeitenden Industrie: die Forderung von 5,5 % sei beschlossene Sache und die KollegInnen handlungsfähig, sofern hierzu Notwendigkeit bestehen sollte.
Ebenfalls in einer Tarifrunde befinde sich Mayr Melnhof - hier stünden Haustarifverhandlungen über die Erhöhung der Entgelte an. Die Forderung: 5,8 %.

Konflikte über die Auslegung des Tarifvertrages gebe es derzeit bei König Metall, so Peter. Und auch die Situation von Grupo Antolin thematisierte die 1. Bevollmächtigte in ihrem Geschäftsbericht. Von ehemals 450 Beschäftigten würde gerade einmal noch 44 zukünftig in Rastatt beschäftigt werden.
Die einen Tag vor der Versammlung bekanntgewordene Botschaft, dass der Daimler Konzern von der ursprünglich geplanten Werkserweiterung überraschenderweise Abstand nehme, kommentierte Peter kritisch Immerhin gehe es an dieser Stelle um eine Zukunftsinvestition.

Abschließend wies Peter die Anwesenden darauf hin, dass die Strategie der Geschäftsstelle für die kommenden 10 Jahre nahezu fertiggestellt sei (ZUKUNFT denken.gestalten.handeln). In der kommenden Delegiertenversammlung werde sie nochmal diskutiert und beschlossen. Viele Themen der Strategie wurden von den Anwesenden vor wenigen Wochen erarbeitet.

Apropos Zukunft: Heiko Maßfeller wird sich neuen Herausforderungen in der IG Metall stellen und die Geschäftsstelle Gaggenau zum 01. Oktober verlassen. Bodo Seiler wird bis zur Neuwahl im Frühjahr einige Aufgaben von Heiko kommissarisch übernehmen.

Einige Zitate aus der Versammlung:

Jörg Weigand (IG Metall Vorstand, Bereichsleiter FB Kampagnen): Wir haben in Deutschland eine zunehmende Zahl an Betrieben, die sich aus Tarifverträgen verabschieden. Das will und kann die IG Metall so nicht akzeptieren. Seit 2016 haben wir eine spezielles Projekt "Tarif" aufgelegt, mit dem wir diesem Trend entgegenwirken wollen. Damit ist in den letzten Jahren schon einiges passiert: In 710 Betrieben sind Tarifverträge abgeschlossen worden, davon profitieren 162.000 Beschäftigte. Aber wir wissen natürlich auch, dass es noch viele Betriebe gibt, die weit entfernt von Tarifverträgen sind.

Gefragt nach den Gründen, warum bei den Beschäftigten in den Betrieben ohne Tarif überhaupt der Wunsch nach einem Tarifvertrag aufkommt:

Steffen Lange (Betriebsrat HBPO): Ausschlaggebend für den entschlossenen Einsatz meiner KollegInnen bei HBPO war letztendlich der Druck, den der Arbeitgeber ausgeübt hatte, nachdem wir erstmals Tarifverhandlungen gefordert hatten. Da reagierten die Beschäftigten mit einem "wir können auch anders" und "nicht mit uns". Emotional loderten da immer so kleine Feuer, angefacht von den Reaktionen der Geschäftsführung.

Gewerkschaftssekretärin Astrid Haack, stellvertretend für den Betriebsrat des Logistikunternehmens Schmitt, bei dem kürzlich die erste Tarifverhandlung stattfand:
Schmitt ist ein Familienbetrieb, dessen Mitarbeiter größtenteils bereits seit vielen Jahren dort tätig sind. Im Prinzip brauche ich für deren Motivation nur einen Satz zu sagen: Seit 10 Jahren hat es bei den Beschäftigten keine Lohnerhöhung gegeben!
Andererseits muss hier erwähnt werden, dass bei Schmitt in Kürze aufgrund einer Auftragsreduzierung bei Daimler Kurzarbeit angemeldet wird. Was dann kein idealer Rahmen für Tarifverhandlungen wäre.

Jörg Weigand: Bundesweit kann ich als Grund für den Wunsch nach einer Tarifanbindung unter Beschäftigten häufig die klassischen Themen ausmachen. Wie etwa längst fällige Lohnerhöhungen, mehr Urlaubstage, faire Arbeitszeiten. Aber es gibt zunehmend auch "große Themen", wie etwa: Mehr Gerechtigkeit!

Von der "anderen Seite der Medaille" berichtete Christian Gress(Medifa): Wir mussten leider den anderen Weg gehen. Nach 42 Jahren Tarifbindung wurde unser Betrieb verkauft und ist nun Inhabergeführt. Die ´Zahlen waren nicht mehr gut genug, wir wurden als Sanierungsfall bezeichnet und die Beschäftigten wurden aufgefordert, ihren Beitrag zu Rettungsmaßnahmen zu leisten. Nach einigen Mitglieder- und Betriebsversammlungen bekundeten die KollegInnen, dass sie an "das Neue" glauben und akzeptierten z.B. eine Erhöhung der Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich. Damals waren wir noch an den Tarif gebunden. Zunächst funktionierte auch alles korrekt, bis dann im weiteren Verlauf die neuen Zahlen immer noch nicht gut waren. Ebenfalls war ein wichtiger Auslöser für den Arbeitgeber, die gute Tarifrunde 2018. Nachdem wir vom Betriebsrat und der IG Metall nach weiteren Versammlungen mit den Beschäftigten weitere Einschränkungen nicht mehr tragen wollten und wir alle uns für Auseinandersetzungen bereitmachten, gründete der Arbeitgeber eine neue Firma und bot neue Verträge an. Alle Beschäftigten wurden einzeln zur Geschäftsführung beordert um tarif-ungebundene Verträge zu unterschreiben. Bis auf ganz wenige Ausnahmen akzeptierten nahezu alle Beschäftigten diese neuen Verträge, selbstverständlich auch aus Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Doch obwohl wir derzeit eben nicht an einen Tarif angeschlossen sind, empfinde ich die Belegschaft weiterhin als schlagkräftig und solidarisch. Ich denke, hier kann sich in Zukunft noch einiges bewegen.

Klaus Schulz, Betriebsrat Ruf Betten: Wir stehen bei "Holz und Kunststoff" vor einer neuen Tarifrunde. Und ich kann jetzt schon sagen: Es wird nicht einfach werden. Aufgrund einer massiven Tarifflucht vieler Arbeitgeber in unserer Branche werden wir wohl schwere Geschütze auffahren müssen, um unsere Forderungen durchzusetzen.

Anhänge:

Bilder der Veranstaltung

Bilder der Veranstaltung

Dateityp: JPEG image data, JFIF standard 1.01

Dateigröße: 117.91KB

Download

Bilder der Veranstaltung

Bilder der Veranstaltung

Dateityp: JPEG image data, JFIF standard 1.01

Dateigröße: 92.83KB

Download

Bilder der Veranstaltung

Bilder der Veranstaltung

Dateityp: JPEG image data, JFIF standard 1.01

Dateigröße: 156.33KB

Download

Bilder der Veranstaltung

Bilder der Veranstaltung

Dateityp: JPEG image data, JFIF standard 1.01

Dateigröße: 69.61KB

Download

Bilder der Veranstaltung

Bilder der Veranstaltung

Dateityp: JPEG image data, JFIF standard 1.01

Dateigröße: 115.48KB

Download

Bilder der Veranstaltung

Bilder der Veranstaltung

Dateityp: JPEG image data, JFIF standard 1.01

Dateigröße: 114.42KB

Download

Bilder der Veranstaltung

Bilder der Veranstaltung

Dateityp: JPEG image data, JFIF standard 1.01

Dateigröße: 103.3KB

Download

Bilder der Veranstaltung

Bilder der Veranstaltung

Dateityp: JPEG image data, JFIF standard 1.01

Dateigröße: 87.58KB

Download

Bilder der Veranstaltung

Bilder der Veranstaltung

Dateityp: JPEG image data, JFIF standard 1.01

Dateigröße: 122.44KB

Download

Letzte Änderung: 22.10.2019