Böser Diesel - netter E-Motor?

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11.07.2019 Stickoxid-Belastung durch Diesel, mehr alternative Antriebsformen als den E-Motor, Sinn und Unsinn von Giga-Factorys in Europa - dazu Daimler Gesamtbetriebsratsvorsitzender Michael Brecht im Interwiev

IG Metall Gaggenau: Während der 1. Mai-Feier sagte Udo Roth, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, dass man "jetzt den Diesel nicht verteufeln sollte." Bist Du ähnlicher Meinung?

Michael Brecht: Klar, ich bin der gleichen Meinung (lacht). Hier wurde in den letzten Monaten Einiges verallgemeinert und deswegen bin ich dagegen, dem Diesel jetzt wirklich alles, was wir im Moment an Problemen in der Branche haben, in die Schuhe zu schieben. Bleiben wir zunächst technisch: Wenn man die CO2-Belastung deutlich reduzieren möchte, dann ist der Diesel effizienter als ein Benziner. Weil er tatsächlich eine niedrigere CO2-Belastung für die Umwelt aufweist. Was den Diesel letztendlich so in Verruf gebracht hatte, war und ist ja die hohe Konzentration an Stickoxiden, die man vor allem bei älteren Modellen durch den Diesel-Auspuff rausbläst. Ein Thema, das vor allem im Zusammenhang mit den Fahrverboten in manchen Städten hochkochte. Nun ist es aber so, dass die neueren Diesel-Modelle deutlich weniger Stickoxide freisetzen. Die neuen Motoren, die wir - aber auch die anderen großen deutschen Autohersteller - jetzt anbieten, wurden in der Verbrennungsleistung und zum Beispiel in der Aufwärmphase nochmals optimiert. Kurz: Die neuen Diesel bringen die Problematik, die die älteren Modelle tatsächlich noch hatten, überhaupt nicht mehr mit. Deshalb finde ich, dass man sie eben nicht verteufeln sollte.

IG Metall Gaggenau: Uns würde interessieren, wie man sich eigentlich als Gesamtbetriebsratsvorsitzender gefühlt hat, nachdem bekanntwurde, dass bzgl. des Dieselskandals auch gegen Daimler ermittelt wird.

Stolz, Autos zu bauen?

Michael Brecht: Bei den Daimler-Beschäftigten hat das alles für enorme Unruhe, teils sogar für Entsetzen gesorgt. Zunächst wusste ja keiner, was da alles auf das Unternehmen zukommt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, von großen Skandalen war die Rede etc. Letztendlich wird man häufig pauschal verurteilt - nicht nur am Stammtisch. Man arbeite für Betrüger, lasse sich von Kriminellen ausbeuten usw. Solche Anschuldigungen müssen sich die Kolleginnen und Kollegen auch heute noch häufig anhören. Und um auf meine Gefühlslage in diesem Zusammenhang zurückzukommen: Ich finde, wir haben als Beschäftigte bei Daimler eine Menge verloren. Und als Erstes muss jetzt mal wieder der Stolz aufgebaut werden, für eine der erfolgreichsten Branchen der Welt zu arbeiten. Der Stolz, Autos zu bauen!

IG Metall Gaggenau: Zudem gibt es ja noch ein paar andere Problemchen zu lösen im Automobilbau.

Diese Zukunft muss mehr als nur Elektrizität bieten!

Michael Brecht: Richtig, wir stehen derzeit an einer Kreuzung - E-Mobilität, Digitalisierung, Industrie 4.0, Internet of Things, das sind enorme Aufgaben, auch für ein Hightech-Unternehmen wie Daimler. Die ganze Dieselproblematik kostet aber enorm viel Kraft und fordert reichlich Manpower, alle sind am Anschlag. Und neue Mitbewerber wie Tesla haben diese Probleme erst gar nicht, können volle Kraft voraus in die Zukunft investieren. Letztendlich hemmt uns dieser Skandal, deshalb müssen wir jetzt endlich aus diesem Dilemma herauskommen.

IG Metall Gaggenau: Du hast gerade die Zukunft angesprochen. Wird sie bei Daimler wirklich elektrisch sein?

Michael Brecht: Ich möchte es mal so sagen: Wer sich heute nur auf eine Technik verlässt bzw. einlässt, wird wenig Zukunftschancen haben. Zur Zeit haben wir keine andere Wahl - wir müssen den Elektromotor pushen! Er wird von allen gefordert, er hat eine etwas günstigere Gesamtenergiebilanz als ein Verbrennungsmotor, sieht aber im Entstehungsprozess, gerade was den Batteriebau betrifft, noch nicht so toll aus. Da wird viel Energie aufgewendet, mitunter sogar verschwendet. Und solange der Strommix erst 30 Prozent regenerative Energien aufweist, kann man wirklich noch nicht von Nachhaltigkeit reden. Es muss also noch Einiges passieren. Zum Beispiel wird derzeit daran gearbeitet, dass man in einigen Jahren wahrscheinlich kein Kobalt mehr brauchen wird, um Hochleistungsbatterien herzustellen. Denn die Versorgungslage mit Kobalt könnte sich zuspitzen. Der Elektromotor wird uns also zunächst einige Schritte weiterbringen, auch gerade was die Situation in den Städten anbelangt. Ich bin mir aber sicher, dass es nicht beim Elektromotor als einzigem zukunftsweisenden Antrieb bleiben darf.

Entscheidungen treffen - auch in der Politik

IG Metall Gaggenau: Spätestens 2050 sollten die Antriebe ja alle CO2-neutral sein.

Michael Brecht: Das ist eine Herausforderung, die wir bei Daimler längst angenommen haben. Wir haben uns sogar darauf geeinigt, dass wir bereits 2039 ausschließlich CO2-neutrale Motoren bauen wollen. Auch die gesamte Produktion, ebenso wie die Zulieferungskette, soll bis dahin CO2-neutral sein.
11 Jahre früher, das sind Welten in der Branche!
Aber diese Motoren werden dann nicht zwingend elektrisch angetrieben. Auch Brennstoffzellen könnten zum Einsatz kommen oder sogar Wasserstoff-Direkteinspritzung. Es gibt viele technologische Pfade, die weiterhin offenbleiben müssen.

IG Metall Gaggenau: Derzeit wird allerdings von allen Seiten der Elektroantrieb gefordert. Obwohl bei der Entwicklung der Batterie noch Luft nach oben ist.

Michael Brecht: Tatsache ist, dass man als Automobilhersteller den Anforderungen des Marktes folgen muss. Und da ist derzeit Elektrizität angesagt. Auch wenn bisher noch keiner erklären konnte, wie sich beispielsweise das Elektro-Tankstellen-Netz in Deutschland in den nächsten Jahren entwickeln wird. Doch wie gesagt: E-Mobilität ist sicher eine zukunftsweisende Technologie, aber eben nur eine!

IG Metall Gaggenau: Also müssen Entscheidungen getroffen werden. Durch die Politik, aber auch innerhalb der Konzerne. Wie groß ist eigentlich die Möglichkeit einer Einflußnahme durch den Betriebsrat bei der Entwicklung zukünftiger Technologien? Wie weit könnt und dürft ihr mitreden?

Michael Brecht: Nun, wir haben auf Betriebsratsebene ganz sicher noch einigen Nachholbedarf bei der technischen Kompetenz. Aber wir sind auf einem guten Weg. Zum Beispiel habe ich gemeinsam mit IG Metall Bezirksleiter Roman Zitzelsberger schon vor einiger Zeit den "Freundeskreis Batteriezelle" gegründet. Hier findet ein reger Austausch an Erfahrungen und Know-how zum Thema Zelltechnik statt. Wir dürfen gerade als Gewerkschafter bestimmte Entwicklungen nicht verschlafen, wir müssen auch mit technischer Kompetenz auf der Höhe sein.
So oder ähnlich gilt das übrigens auch für gewisse strukturelle Probleme, die auf die Automobilkonzerne und somit auf uns zukommen werden.

Null Giga-Factorys in Europa

IG Metall Gaggenau: Zum Beispiel, wer denn diese Zellen und Batterien überhaupt bauen soll?

Michael Brecht: Genau, das ist ein Thema, mit dem wir uns derzeit intensiv beschäftigen. Machen wir eine Hochrechnung: Wenn wir die CO2-Ziele, die sich die EU vorgenommen hat, im Automobilsektor hauptsächlich durch E-Mobilität erreichen wollen, dann stellt sich wirklich die Frage, woher denn die Batterien kommen sollen? Wir bräuchten allein in Europa 20-25 sogenannte Giga-Factorys, wo diese Batterien hergestellt werden. Zum Vergleich: Heute haben wir in Europa keine einzige dieser Fabriken! Wir haben zwar einige kleine Zellhersteller, die aber im Vergleich zu dem, was wir eigentlich bräuchten, sozusagen "Spielzeuggröße" haben.

IG Metall Gaggenau: Da fällt einem bei einem Unternehmen wie Daimler eigentlich nur eine Maßnahme ein: Selber bauen!

Michael Brecht: Bei VW hat man sich kürzlich entschieden, in die Zellfertigung einzusteigen. Roman Zitzelsberger und ich mahnen im Daimler-Aufsichtsrat schon seit Jahren an, in die Zellfertigung zu investieren. Damit haben wir aber bisher noch keinen Erfolg gehabt. Daimler will weiterhin die Zellen einkaufen. Deshalb bin ich wirklich froh, dass VW hier einen ersten Schritt gemacht hat und zeigt, dass Zelltechnologie nicht eine einfache Zukaufware sein kann, sondern eine Kerntechnologie darstellt.

IG Metall Gaggenau: Außerdem ist hier ja auch ein Beschäftigungseffekt zu erkennen.

Michael Brecht: Selbst wenn in diesen Giga-Factorys nicht gerade Zehntausende beschäftigt sind und sein werden, sind doch zwischen 1.500 und 2.500 Arbeitsplätze zu erwarten. Nicht zu unterschätzen, oder?

Einfluss auf die Europa-Wahl?

IG Metall Gaggenau: Aber wo ist der Haken? Warum sträuben sich noch so viele Automobilkonzerne gegen eine eigene Giga-Factory?

Michael Brecht: Diese Fabriken sind sehr kapitalintensiv. Man muss ungefähr 1,5 Milliarden Euro investieren. Bis die Fabrikationsprozesse beherrscht werden - würde die Giga -Factory einmal voll ausgerüstet bereitstehen - muss man zwei bis drei Jahre rechnen. Die Technologie ist zudem eine neue, relativ unbekannte, wo sich viel im µg-Bereich abspielt. Das schreckt erstmal ab.

IG Metall Gaggenau: Andeererseits begibt man sich in eine wirtschaftliche Abhängigkeit, wenn man diese Technologie nur einkauft. Nicht zu unterschätzen in Zeiten, da sich Weltmächte Handelsscharmützel liefern.

Michael Brecht: Das ist tatsächlich eine große Gefahr. Schaut man sich den Weltmarkt an, gibt es derzeit zehn Zell-Lieferanten. Da entstehen bei einer rasant ansteigenden Nachfrage schnell Engpässe. Mal ganz abgesehen davon, dass die Preise entsprechend steigen werden. Die Marktmacht des Lieferanten wird dann gigantisch sein. Das wird heute noch von vielen unterschätzt oder gar nicht erst wahrgenommen.

IG Metall Gaggenau: Kurz nach den Europa-Wahlen - wie stark hat Deines Erachtens speziell der Diesel-Skandal die Wahlen beeinflußt?

Michael Brecht: Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass man das Abschneiden bestimmter Parteien - im Positiven wie im Negativen - auf den Diesel-Skandal herunter brechen kann. Es ist eher die Klima-Politik allgemein, die eine maßgebliche, wenn nicht sogar entscheidende Rolle bei diesen Wahlen gespielt hat. Die Jugend, die Jungwähler und Initiativen wie "Fridays for future" haben hier deutlich mehr Gewicht, vor allem im weltweiten Kontext, als der Skandal um gefälschte Emissionswerte beim Diesel. Ohne dass ich den Diesel-Skandal als solchen beschönigen möchte.

Mehr Orientierung vermitteln

IG Metall Gaggenau: Und wie soll sich die IG Metall für die nahe Zukunft, insbesondere im Zusammenhang mit den neuen Antriebstechnologien im Automobilbau verhalten? Anders formuliert: Ist die IG Metall "grün" genug?

Michael Brecht: Die Frage wird oft gestellt und in vielen Diskussionen wird nachvollziehbar, dass manche Metaller sich eine etwas grünere Ausrichtung der IG Metall wünschen würden. Doch ich finde, wir werden hier verkannt. Die IG Metall hat schon vor vielen Jahren beispielsweise auf die CO2-Problematik und auf Stickoxid-Emissionen hingewiesen. Wir haben immer gesagt, dass sich hier etwas ändern muss - wenn wir auch nicht immer gehört wurden. Die IG Metall ist ja keine Partei und als Gewerkschaft wollen wir keineswegs grüner als die "Grünen" werden. Bei uns steht der arbeitende Mensch im Mittelpunkt. Ich bin davon überzeugt, dass wir bei der IG Metall auf dem richtigen Weg sind, insbesondere, was neue Technologien und Antriebsformen, Industrie 4.0 etc. anbelangt. Doch gerade so eine Frage, wie Sie jetzt zuletzt von dir gestellt wurde, zeigt: Wir müssen als IG Metall auch bei diesen Themen mehr Orientierung vermitteln.

IG Metall Gaggenau: Michael, wir danken für dieses offene Gespräch.

Letzte Änderung: 11.07.2019