Arbeitszeit neu denken

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28.11.2017 Ein Gespräch über Gleitzeit und deren schwache Momente, über flexible Tageseinteilungen, über weniger Arbeitszeit, die mehr bringt und KollegInnen, die vor sich selbst geschützt werden müssen

Ute Wasilowicz (50) ist stellvertretende Vorsitzende im Betriebsrat der Fa. GETINGE Rastatt - eher bekannt als Maquet. Gemeinsam mit ihren 15 Betriebsrats-KollegInnen vertritt sie ca. 1.200 Beschäftigte, worunter "nur" 260 KollegInnen zur Gruppe "Arbeiterinnen und Arbeiter" zählen, die also in der Montage, montagenah oder als ServicetechnikerIn tätig sind. Ute hat bereits ihre Ausbildung zur Technischen Zeichnerin bei Maquet gemacht, war Jugendvertreterin und ist seit 1994 im Betriebsrat des Standorts Rastatt aktiv.

IG Metall Gaggenau: Fallen wir gleich mit der Tür ins Haus... War früher eigentlich alles besser?

Ute Wasilowicz: Früher heißt in dem Fall vor 1996. Was die Arbeitszeit betrifft und vom heutigen Wissens- und Erfahrungsstand aus betrachtet - ja! Vor Einführung der Gleitzeit hatte man feste Arbeitszeiten, kannte einen festen Zeitrahmen, in dem man morgens anfing und abends aufhörte. Was heute nicht fertig wurde, erledigte man am nächsten Tag. Das war in den Büros so und in den Montagebereichen ebenfalls. Sobald man die Arbeitsplätze verlassen hatte, war auch Schluss mit der Arbeit.
Dann kamen die Gleitarbeitszeiten - eine Regelung, die von allen zunächst sehr begrüßt wurde und für die wir ja auch gekämpft hatten. Man konnte im Rahmen der Rahmenarbeitszeit morgens durchaus mal später anfangen und nachmittags entsprechend länger arbeiten oder umgekehrt. Aber die KollegInnen stehen seither auch mehr in der Verantwortung, müssen sich ihre Zeiten selbst einteilen, den Überblick behalten über das, was an Stunden bereits geleistet wurde oder wieviel Zeit noch in den nächsten Tagen und Wochen zur Verfügung stehen wird. Derzeit haben wir bei Maquet noch eine Arbeitszeitregelung von 1996 - ich war übrigens schon dabei, als die ausgehandelt wurde - Gleitzeit mit einer Rahmenarbeitszeit von 7 bis 18 Uhr und einer Kernarbeitszeit von 8:30 bis 15 Uhr. Die Arbeitszeit in der Montage ist regulär von 7 bis 15 Uhr.

IG Metall Gaggenau: Heute leben wir in einem Zeitalter, das beruflich als sehr anspruchsvoll bezeichnet wird. Der Faktor Zeit ist von immenser Bedeutung.

Ute Wasilowicz: Das kann ich bestätigen. Und dabei hat sich in den letzten Jahren vieles noch "verdichtet!". Durch die Neuen Medien werden wir alle permanent mit Informationen zugeschüttet, wir sind im Dauerzustand verfügbar, werden in einem beängstigenden Rhythmus mit Anfragen bombardiert, die dann bitteschön am besten gleich beantwortet werden sollen.
Dadurch muss im gesetzten Zeitrahmen erheblich mehr erledigt werden, es geht viel "produktive" Arbeitszeit verloren und gleichzeitig wachsen die Arbeitszeitkonten an.

IG Metall Gaggenau: Deren Ausgleich dann problemlos stattfindet?

Ute Wasilowicz: Natürlich nicht! Vielmehr: Das ist oft schwierig. Es gibt zwar die Vereinbarung, dass man einmal im Jahr auf den "Nullpunkt" kommen soll. Die Realität sieht bei uns jedoch anders aus: Ein Nullpunktausgleich hat bei uns seit nunmehr 20 Jahren eigentlich nie stattgefunden. Zwar verfallen theoretisch die geleisteten Stunden auch nicht, doch gibt es bei uns durchaus Bereiche, in denen Stunden, die über ein 15-Stunden-Konto hinaus reichen, sozusagen abgeschnitten und nicht bezahlt werden. Mit der Begründung, dass es eben in der Eigenverantwortung der Beschäftigten oder deren direkten Vorgesetzten liege, Überstundenanträge zu stellen.

IG Metall Gaggenau: Der Tarifvertrag lässt aber doch zu, dass ein Teil der Beschäftigten 40 Stunden arbeitet.

Ute Wasilowicz: Stimmt, und zwar 18 Prozent! Dabei ist symptomatisch, dass es bis vor kurzem vor allem jüngere KollegInnen - meistens noch ohne familiäre Bindung - gewesen sind, die mehr Stunden leisten wollten. Die älteren reagieren verhaltener und erkennen den Wert von freier Zeit für sich und ihr direktes Umfeld.
Hier ist allerdings ein echter Wandel im Gange. Auch die ganz jungen KollegInnen wissen um den Wert von "freier Zeit" und sehen, dass Geld und Karriere nicht alles sind im Leben.

IG Metall Gaggenau: Werden denn die erwähnten 18 Prozent als Höchstmaß für die 40-Stunden-Beschäftigten eingehalten?

Ute Wasilowicz: Jein. Denn wir haben bei uns im Betrieb relativ viele Beschäftigte, die sogenannte "Individualverträge" abgeschlossen haben und sogenannte außertarifliche Verpflichtungen eingehen. Die müssen meist deutlich mehr als die 40 Stunden "Vertrauensarbeitszeit" in der Woche arbeiten, erhalten keine Überstundenvergütungen und sind rasch am Limit. Und - für unsere Argumentationskette ganz wichtig - sie fallen derzeit eben NICHT unter die 18 Prozent!

IG Metall Gaggenau: Eigentlich passen dann ja die Forderungen zur Arbeitszeit, die von der IG Metall in der derzeitigen Tarifrunde gestellt werden, punktgenau auch für die KollegInnen bei Maquet?

Ute Wasilowicz: Selbstverständlich. Wir hier im Betriebsrat sind diesbezüglich ja schon seit einigenr Zeit aktiv und hätten uns beispielsweise schon viel früher bindende Regelungen zur mobilen Arbeit gewünscht. Ein für uns enorm wichtiges Thema! Wir haben schon Workshops dazu veranstaltet, bei denen u.a. das aus meiner Sicht richtig erschreckende Fazit am Ende stand, viele KollegInnen "würden sehr gerne ein paar Stunden in der Woche zu Hause arbeiten, damit sie endlich mal in Ruhe arbeiten können!" - ohne ständige Unterbrechungen durch Anrufe, Emails, Meetings oder Lärm im Großraumbüro. Das zeigt natürlich auch, unter welchem Druck viele KollegInnen stehen.

IG Metall Gaggenau: Die IG Metall fordert nun, die Arbeitszeit von 35 auf bis zu 28 Stunden in der Woche zu reduzieren - zeitlich begrenzt auf maximal zwei Jahre.

Ute Wasilowicz: Teilzeit funktioniert bei uns in vielen Bereichen schon ganz gut. Bei uns sind z.B. 20, 22, 25-Stunden-Wochen in Teilzeit möglich - was bei anderen Betrieben keineswegs selbstverständlich ist. Manche Frauen, die aus der Elternzeit zurück in den Betrieb kommen, arbeiten beispielsweise nur zwei Tage in der Woche.

IG Metall Gaggenau: Der Unterschied liegt aber im Detail. Die Forderung der IG Metall ist auf eine Frist von maximal zwei Jahren begrenzt.

Ute Wasilowicz: Klar, befristete Verträge gibt es zwar bei uns ebenfalls, viele sind jedoch unbefristet. Soll heißen: Wenn du nur 20 Stunden arbeiten willst - eher kein Problem - dann aber "für alle Zeiten". Insofern sehen wir hier bei Maquet die diesbezügliche Forderung der IG Metall als eine Art tarifliche Absicherung für das, was wir zwar in großen Teilen schon leben, was aber noch deutlich verbessert werden kann und muss.
Hierzu sollte nochmals erwähnt werden, dass bei Maquet viele KollegInnen im Büro arbeiten. Da klappt das rein organisatorisch mit der "Absenkung der Arbeitszeiten" deutlich besser als in der Montage. In der Fertigungsplanung ist sowas viel schwieriger umzusetzen. Wir haben zum Beispiel von Gruppenarbeit auf Montagelinien umgestellt. Eine einfache Rechnung: Man braucht immer soundsoviele Mitarbeiter pro Tag, die ganze Woche lang. Hier Teilzeit-Beschäftigte unterzubringen ist ungleich schwieriger als im Büro - eine entsprechende tarifliche Vereinbarung, mit dem daraus resultierenden Recht auf Arbeitszeitverkürzung auch innerhalb der Montagelinien, wäre also ein echter Fortschritt für die KollegInnen in der Montage.

IG Metall Gaggenau: Nach Deinen Erfahrungen und auf Maquet bezogen - welche Änderungen zum Thema Arbeitszeit liegen den Beschäftigten auf der Seele und wie sollen sie umgesetzt werden?

Ute Wasilowicz: Wir haben hier - neben der großen IG Metall-Beschäftigtenbefragung - entsprechende Umfragen im Betrieb durchgeführt. Da gab es durchaus Wünsche, die wir derzeit für eine neue Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeit auf den Weg bringen wollen. Das wird Stück für Stück in Angriff genommen: Derzeit verhandeln wir eine neue Rahmenvereinbarung, und in den einzelnen Abteilungen gibt es dann "Anhänge", etwa für die Arbeitszeit in der Montage, eine neue Gleitzeitregelung, Regelungen für die mobile Arbeit. Und dabei versuchen wir ein Maximum der Beschäftigten-Wünsche und -Vorschläge einfließen zu lassen.

IG Metall Gaggenau: Wahrscheinlich kommen dann aber doch viele unterschiedliche Ansichten zusammen. Jeder hat doch da bestimmt so seine ganz eigenen Vorstellungen?

Ute Wasilowicz: Sicherlich ist es schwierig, alles unter einen Hut zu bringen. Wir müssen das Thema Arbeitszeit neu andenken. In erster Linie sind die Unterschiede generationenbedingt. Wer etwa schon vor 30 Jahren, also vor der Einführung der Gleitzeit, hier gearbeitet hat, will am liebsten seinen Rhythmus "früh zur Arbeit erscheinen, entsprechend früh nach Hause" beibehalten. Die jüngeren Generationen argumentieren oft dagegen und sagen "Ist doch egal, wenn ich erst um 11 Uhr morgens anfange, an meinem Programm zu schreiben. Ich könnte ja abends im Home-Office noch weiterarbeiten."

IG Metall Gaggenau: Gerade in Betrieben wie Maquet, wo ein Großteil der Beschäftigten im Büro arbeitet, sind da Rahmenarbeitszeiten überhaupt noch notwendig?

Ute Wasilowicz: Doch, das schon. Aber sie sollten sich über einen längeren Zeitraum erstrecken. Denn nicht zuletzt wegen der Neuen Medien ist es in vielen Bereichen überhaupt nicht mehr nötig, dass alle gemeinsam über mehrere Stunden hinweg am gleichen Ort aktiv sind. Eigentlich muss man sich ja höchstens für Meetings koordinieren.
Was wir als Betriebsräte jedoch als besonders wichtig in diesem Zusammenhang erachten: Manche KollegInnen müssen vor sich selbst geschützt werden! Es sollte also nicht "open end" gearbeitet werden, Arbeitszeitgesetze müssen eingehalten werden, man sollte sich darüber im Klaren sein - egal ob alt oder jung - dass die Gefahr, "ausgelaugt" zu werden, enorm hoch ist. Die meisten merken es viel zu spät, dass sie überlastet sind.

IG Metall Gaggenau: Nun ist ja jetzt schon absehbar, dass die Arbeitgeber gegen die Metaller-Forderungen zum Thema Arbeitszeiten ihr Standard-Argument von "viel zu hohen Kosten" anbringen werden.

Ute Wasilowicz: In erster Linie kommt es auf den Umgang miteinander an und auf ein sachliches Abwägen der Vor- und Nachteile. Selbstverständlich kosten neu einzustellende KollegInnen, die für solche, die in Zukunft mit reduzierter Arbeitszeit aktiv bleiben wollen, eine gewisse Summe Geld. Aber die macht sich rasch bezahlt, wenn die Gemeinschaft der KollegInnen auf Dauer deutlich weniger krank ist, wenn die Erschöpfung am Arbeitsplatz bzw. die Burn-Out-Gefahr nachlässt und wenn - wie in vielen Studien bereits mehrfach bewiesen - während kürzerer Arbeitstage oft mehr erarbeitet, geleistet und produziert wird, als an langen Arbeitstagen. Ganz abgesehen vom Wohlfühlfaktor: Wer sich an seinem Arbeitsplatz und eben auch während seiner Arbeitszeiten gut fühlt, leistet mehr, ist kreativer und engagierter. Kann sich ein Arbeitgeber mehr wünschen?

IG Metall Gaggenau: Vielen Dank für das Gespräch, Ute. Auf dass sich auch bei Maquet die "Zeiten ändern werden" - im positiven Sinne!

Letzte Änderung: 28.11.2017