"Es muss sich etwas ändern!"

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02.03.2017 Sorgenkind "Rente": Rentenberater Gerhard Herr über den demographischen Wandel, soziale Abstiege, steigende Beiträge, private Altersvorsorge und ob man all das jemals in den Griff bekommen wird.

Gerhard Herr (58) ist Schwerbehindertenvertreter beim "Benz" in Gaggenau, Sozialrichter, Rentenberater bei der IG Metall Gaggenau und im Widerspruchsausschuss bei der Deutschen Rentenversicherung, bei der IG Metall im Arbeitskreis Schwerbehinderte und der Schwerbehinderten-Arbeitskreisleiter Baden-Württemberg. Gerhard ist verheiratet, Vater von zwei (erwachsenen) Kindern und braucht sich - nach eigenen Angaben -"keine Sorgen um seine Rente zu machen". Ganz im Gegensatz zu vielen KollegInnen, die ihn um eine Rentenberatung bitten. Im Gespräch zeigt Gerhard Herr die derzeit schwierige Lage "rund um die Rente" auf und berichtet von der "Beratungsfront".

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IG Metall Gaggenau: Das Thema "Rente" ist ja zur Zeit - aus gutem Grund - in aller Munde. Viele Menschen ab einem "gewissen Alter" machen sich große Sorgen um die Finanzierung ihres Ruhestandes, die Zukunft als RentnerIn sieht für viele nicht gerade rosig aus. Rentenberater sind also wirklich gefragt. Mal eine lapidare Frage vorneweg: Kann eigentlich jeder zu dir in die Rentenberatung kommen?

Gerhard Herr: Wirklich jeder! Ich bin als Rentenberater zwar für die Daimler-Werke Gaggenau und Rastatt zuständig, berate zudem häufig im Auftrag der IG Metall KollegInnen aus anderen Metallbetrieben und mache aber auch Termine mit Menschen, die weder in der Gewerkschaft noch bei Daimler sind. Solche Gespräche finden dann abends bei mir zu Hause statt. Alle sind mit ihren Fragen willkommen.

Viel Engagement vonnöten

IG Metall Gaggenau: Hört sich nach viel Arbeit und Engagement an! Wie kommt man denn zu so einer beratenden Tätigkeit - hat das was mit Leidenschaft zu tun? Auch bei so einem trockenen Thema?

Gerhard Herr: Ich mache das jetzt seit fünf Jahren und weiß natürlich genau, was ich da für eine Zeit reinstecke (lacht). Was die Leidenschaft anbelangt: Klar, Interesse und Spaß am Thema sollte man schon haben, sonst kann man die Beratung für solch komplexe Sachverhalte gleich vergessen. Ich habe ja damals meine Arbeit von meinem sehr guten Vorgänger Reinhard Jung aus Kuppenheim übernommen, der mich in die Materie hervorragend eingeführt hat. So bin ich zum Beispiel dank Reinhards "Ausbildung" einer der wenigen Rentenberater, die ihren Kunden auch gleich die richtigen Beträge ausrechnen und vorlegen.

IG Metall Gaggenau: Welchen Anteil hat denn deine Arbeit als Rentenberater in der ja doch ziemlich langen Reihe von Tätigkeiten (siehe oben), für die Du sonst noch zuständig bist?

Gerhard Herr: Ich habe im Jahr ca. 700-800 Gespräche zum Thema "Rente" - das allein nimmt also schon einen bedeutenden Anteil ein.

IG Metall Gaggenau: Und dabei spielen dann Sorgen um die Rente eine große Rolle?

Gerhard Herr: Teils, teils. KollegInnen hier vom Daimler, die zur Rentenberatung kommen, wollen meistens eher wissen, was genau sie wann erhalten werden. Sie informieren sich über Abschläge, Abzüge etc. Sorgen, etwa ob die Rente reichen wird, spielen da eher selten eine Rolle. Wir werden bei Daimler gut bezahlt, da stimmt also schon mal die gesetzliche Rente und wir erhalten noch eine Betriebsrente. Aber Beschäftigte aus anderen Betrieben kommen zu mir durchaus mit vielen Sorgen und Bedenken zum Thema Rente.

IG Metall Gaggenau: Ein Beispiel

Sozialer Abstieg nach langer Krankheit

Gerhard Herr: Ein Kollege aus einem Zulieferbetrieb war schwer an Krebs erkrankt und musste eine Erwerbsminderungsrente beantragen. Meinen Berechnungen zufolge standen ihm 900 Euro zu; seine Frau hatte in Teilzeitjobs gearbeitet, sie wäre auf ca. 300 Euro gesetzliche Rente gekommen. 1.200 Euro zu zweit, nicht gerade üppig. Ich bin sowieso der Meinung, dass alle, die heutzutage schwer krank werden, mit einem krassen sozialen Abstieg rechnen müssen. Wenn man dann noch finanzielle Verpflichtungen hat, wie zum Beispiel Haus oder Wohnung abzubezahlen, geht alles noch schneller in den Keller.

IG Metall Gaggenau: Ist das denn nun ein Abwärtstrend? War das früher mal besser?

Gerhard Herr: Das war durchaus besser. Vor etwa 20 Jahren waren die gesetzliche Rente und Erwerbsminderungsrente im Verhältnis zu den Lebenserhaltungskosten "deutlich mehr wert". Gleichzeitig leeren sich die Rentenkassen. Schon allein deshalb muss zumindest in Teilbereichen eine Reform her.

IG Metall Gaggenau: Die Kassen leeren sich ja hauptsächlich aus sozio-demographischen Gründen, was allerdings vorhersehbar war und ist.

Gerhard Herr: Wir stehen hier alle vor einer enormen Herausforderung. Ich kann das vielleicht mit einigen Zahlen darlegen: Im Jahre 1960 bezog ein Rentner im Durchschnitt 9,9 Jahre Rente, bis er starb. 2011 waren das schon 18,1 Jahre. Die Lebenserwartung steigt also - was ja für uns alle sehr erfreulich ist - auf derzeit 83,5 Jahre bei den Frauen und 78,13 Jahre bei den Männern. Entsprechend wächst die Anzahl der Rentner. Im Jahr 2000 kamen 100 Beitragszahler für 46 Rentner auf, 2020 wird das Verhältnis 100 zu 74 sein. Und für 2040 wird prognostiziert, dass 100 Beitragszahler für 102 Rentner zahlen müssen.

IG Metall Gaggenau: Gut, aber es wird ja auch reichlich in den "Topf" einbezahlt.

Gerhard Herr: Auch hierzu einige Zahlen. Wir haben derzeit 52 Millionen Versicherte, von denen mehr als 35 Millionen aktiv sind. Es gibt in Deutschland über 1,5 Millionen Rentenanträge pro Jahr, 2 Millionen Anträge auf Reha. An 24 Millionen Rentner werden monatlich 21,2 Milliarden Euro Rente ausbezahlt - alle Zahlenbereiche sind also im Wachstum begriffen. Nur leider eben auch die Anzahl der Rentner, die mit ihrer Rente nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Das sind immerhin schon 760.000 in Deutschland - Tendenz steigend! Von der analog sinkenden Geburtenrate mal ganz zu schweigen...

Die Rente auf den richtigen Weg bringen

IG Metall Gaggenau: Stimmt, solche Zahlen verheißen wenig Gutes für die Zukunft. Nur wie soll oder kann man diese Aussichten verbessern?

Gerhard Herr: Ich habe keineswegs eine Lösung parat. Nur eines weiß ich ganz genau: Was derzeit von den einzelnen Parteien zum Thema Rentenabsicherung oder Rente allgemein angeboten wird, ist Geplänkel! Es mag vielleicht den einen oder anderen korrekten Ansatz im Detail geben, doch die große, langfristig wirkende Problematik kann man so nicht in den Griff kriegen. Ich bin davon überzeugt, dass sich alle irgendwie Beteiligten an einen Tisch setzen müssen, um die zukünftigen Renten in Deutschland auf den richtigen Weg zu bringen - überparteilich, vor allem aber sozial!

IG Metall Gaggenau: Man liest und hört derzeit öfter, dass die Rentenpolitik auf dem Rücken der nachfolgenden Generationen "ausgetragen" wird. Merkst du in deinen Sprechstunden, dass sich verstärkt junge Menschen Sorgen um ihre Rente machen?

Gerhard Herr: Überhaupt nicht. Wir brauchen doch nur an unsere eigenen jungen Jahre zurückzudenken - was hat uns schon als 30-Jähriger unsere Rente gejuckt? Es ist höchst selten, dass mal ein 35-Jähriger zu mir kommt und sich nach seiner zu erwartenden gesetzlichen Rente erkundigt. Naturgemäß liegt das Durchschnittsalter der KollegInnen, die zu mir in die Beratung kommen, bei 50, 55 und älter.

IG Metall Gaggenau: Dennoch sollten sich junge Menschen auch zumindest in die Rentenpolitik einbringen. Unter dem Motto: "Heute schon an morgen denken."

Gerhard Herr: Sicher, das wäre im Interesse der jüngeren Generationen durchaus sinnvoll. Denn Änderungen im Rentensystem müssen von langer Hand vorbereitet werden und wirken meist erst mittel- bis langfristig. Wenn sich also junge Menschen die statistische Prognose der Rentenbeiträge anschauen würden - würden sie genügend Gründe finden, sich heute schon zu engagieren. Derzeit sind wir bei 18,9 %, 2025 werden 21% erwartet und für 2020 sind wir schon beim Beitragshöchstsatz von 22% - dann für alle!

Wer sie bräuchte, kann sie sich nicht leisten!

IG Metall Gaggenau: Welche Rolle spielen für dich "private Altersvorsorge" und/oder Riester-Rente, als staatlich geförderte, hauptsächlich aber privat finanzierte Rente zur zusätzlichen Absicherung im Alter?

Gerhard Herr: Nach meiner Erfahrung können sich das nur KollegInnen leisten, die ein gutes Einkommen haben und demzufolge bei der gesetzlichen Rente ebenfalls bereits gut aufgestellt sind. Diejenigen, die so eine "private Altersvorsorge" eigentlich bräuchten, weil ihre Rente nicht reichen wird, haben m. E. oft nicht genügend Geld am Monatsende übrig, um noch etwas für die Rente beiseite zu legen - staatliche Zuschüsse hin oder her.

IG Metall Gaggenau: Es muss sich also was bewegen bei der Rentenpolitik?

Gerhard Herr: Ich möchte hier wirklich keine Schwarzmalerei betreiben, aber die statistischen, sozio-demographischen "Zeichen" stehen nun mal auf "Veränderung". Es muss tatsächlich so schnell wie möglich etwas geschehen, sonst werden schon die nächsten Rentnergenerationen echte Probleme haben, finanziell mit ihrer Rente "durchzukommen". Auch wenn zur Zeit überall zu lesen ist, dass es Senioren angeblich so gut wie nie zuvor gehe - das wird keinesfalls so bleiben!

IG Metall Gaggenau: Stellen wir noch die allseits beliebte "Gute-Fee-Frage": Was würdest du dir für die Rente wünschen, wenn du einen Wunsch frei hättest?

Gerhard Herr: Hmmm, jetzt muss ich erstmal überlegen. Vielleicht - ja, doch - in jedem Fall eine Rente im Stil von 70-80 Prozent vom Arbeitslohn, und das bitte flott. Damit kann dann jeder klarkommen und es würden tonnenweise Sorgenlasten von den Schultern der Beschäftigten fallen. Aber jetzt mal wieder im Ernst: Es muss sich etwas ändern - und zwar bald!

IG Metall Gaggenau: Gerhard, wir danken für dieses Gespräch.

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Letzte Änderung: 02.03.2017