Gewerkschaftspolitik in die Parteien

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09.01.2019 Im Oktober 2018 wurde Heinz Goll 80 Jahre alt. Nach dem Geburtstagstrubel sprachen wir mit dem ehemaligen 1. Bevollmächtigten der IG Metall Gaggenau über gestern, heute, morgen.

Ein Lehrstück in Sachen "gelebtes, gewerkschaftliches und politisches Engagement". So könnte man das folgende Gespräch bezeichnen. Ortstermin Bad Rotenfels. Heinz Goll öffnet kauend die Tür seines Hauses und bittet freundlich herein. Er müsse nur schnell seine Spaghetti fertig essen, bevor er dann Zeit für mich habe. Doch schon beim Essen fängt er an zu erzählen. Ohne Punkt und Komma, wie man so schön sagt. Oder besser: wie ein Buch. Präzise Formulierungen, klare Gedankengänge, ohne "Ähs" und "Ohs" - eben ganz Profi.

IG Metall Gaggenau: Heinz, du bist Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande und Erster Klasse, Ehrenbürger der Stadt Gaggenau, hast die Region 17 Jahre als Landtagsabgeordneter vertreten und die IG Metall Gaggenau von 1980 bis 1996 als 1. Bevollmächtigter geleitet. Mal ganz abgesehen davon, dass du heutzutage, also in deinem 81. Lebensjahr, die Füße immer noch nicht stillhalten kannst und weiterhin in zig Ehrenämtern aktiv bist - gibt es eigentlich eine Art Initialzündung für ein derart engagiertes, sozial und politisch orientiertes Leben in der Gewerkschaft und in der Politik?

Heinz Goll: Der 2. Weltkrieg! Eindeutig! Der hat mich geprägt wie nichts sonst. Ich habe als Kind ja noch eine Menge Gräuel miterleben müssen: Das Konzentrationslager in Rotenfels wurde selbst von uns Kindern wahrgenommen, ich musste kurz nach Kriegsende gemeinsam mit anderen Bürgern auf den Friedhof, wo ein Massengrab mit Opfern der Nazis ausgehoben wurde und ich habe unglaubliche Not erlebt. In den letzten Kriegsmonaten bettelten ausgehungerte Menschen bei meinen Eltern, die Landwirtschaft betrieben und meine Mutter gab mitunter so viel, dass wir abends dann selbst nichts mehr zu essen hatten. Und wenn ich an ein Erlebnis denke, läuft es mir heute noch kalt und heiß den Rücken runter: Wir saßen nachts in unserem abgedunkelten Haus, als plötzlich ein riesiger Feuerball, unfassbar knapp über uns hinwegraste - ein brennendes Flugzeug, das hinter unserem Haus einschlug. Meine Mutter hatte uns drei Kinder damals in den Arm genommen und gemurmelt: "Jetzt müssen wir alle sterben!"
Ein anderes Mal half ich meiner Mutter auf dem Acker, als ein Tiefflieger auf uns zuraste. Wir hätten keine Chance gehabt, in Deckung zu laufen, doch der Pilot wollte wohl nicht auf eine Frau und ihr Kind schießen und drehte ab.
Kurz, schon als Kind begriff ich, dass so etwas nie, nie wieder passieren darf.

IG Metall Gaggenau: Solche Erinnerungen prägen, das können sich auch alle vorstellen, die diese Gräuel nicht miterlebt haben. Aber wie wird man in diesen wirren Zeiten - auch in den Jahren nach dem Krieg - zu einem sozial engagierten Menschen? War sich da nicht jeder selbst der Nächste?

Heinz Goll: Jeder wollte zunächst erst einmal ein Dach über dem Kopf und was zum Essen. Es begann der Wiederaufbau und daran wie am wirtschafltichen Auschwung hatten die Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften maßgeblichen Anteil. Über die Gewerkschaft kam ich so zu meinem sozialen und politischen Engagement. Schon damals war ja Mercedes Benz in Gaggenau für viele in der Region der glückseligmachende Betrieb. Dort gab es bereits betriebliche Altersversorgung, soziale Vorteile, gute Löhne und und und... Entsprechend bestanden meine Eltern darauf, dass ich mich nach Abschluss der Volksschule 1952 als 14Jähriger beim "Benz" für eine Ausbildung zum Maschinenschlosser bewerbe. Das sei so etwas wie eine Lebensversicherung. Obwohl ich heute gestehen muss: Ich hätte lieber etwas Anderes gemacht, vielleicht einen kaufmännischen Beruf ergriffen, oder etwas Künstlerisches. Weil ich damals schon wusste: Ich hab' "zwei linke Hände" für alles Handwerkliche.
Dafür konnte ich richtig gut zeichnen und malen. Später hat dann ein Meister zu mir gesagt: "Kerl, dir gehört ein Bleistift in die Hand, keine Feile!".
Eine wichtige und für mein weiteres Leben prägende Aussage gab mir damals übrigens mein Vater mit auf den Weg. Irgendwann kam ich mit einem Aufnahmeformular für die IG Metall nach Hause, das ich ausfüllen und dann wieder abgeben sollte. Ein bisschen misstrauisch fragte ich meinen Vater und der sagte: "Bub, du bist jetzt im Berufsleben und dann musst Du auch in die Gewerkschaft eintreten." Bis dahin wusste ich noch nicht mal, was eine Gewerkschaft ist.
Monate später sah ich im Betrieb dann einen Aushang der Gewerkschaftsjugend, die - ausgerechnet - einen Mal- und Zeichenabend anbot. Ich ging hin und habe den 1. Preis gewonnen. Der Rest ist Geschichte, nur kurze Zeit später war ich bereits stellvertretender, dann Jugendleiter und habe sogar eine politische Kabarett-Gruppe gebildet. Solche Sachen kamen damals bei den jungen Menschen bestens an.

IG Metall Gaggenau: Was hat dich in diesen frühen Gewerkschafterjahren am meisten geprägt?

Heinz Goll: Ich fand es toll, mit anderen jungen Menschen etwas gemeinsam zu erarbeiten. Und ich habe sozusagen Streitkultur entwickelt. Eine Anekdote fällt mir ein: Irgendwann kam im Betrieb der Pfarrer auf mich zu und beschwerte sich, dass ich alle Auszubildenden beim Benz für die Gewerkschaft "rekrutiere". Da hab" ich ihn gefragt, was er denn wohl mit den Täuflingen mache? Die hätten ja noch nicht einmal die Gelegenheit, "nein" zu sagen.

IG Metall Gaggenau: Damals begann auch dein politisches Engagement?

Heinz Goll: Etwas spät ging das los. Von der Gewerkschaftsjugend bis zum Betriebsrat war der Weg nicht allzu weit. Und ein BR-Kollege wollte mich jungen Betriebsrat immer mit zur SPD "schleppen". Er vertrat die Ansicht: Gewerkschafter müssten auch in DER den Gewerkschaften nahestehenden Partei aktiv sein. Ich hatte damals aber noch Bedenken wegen der Notstandsgesetze, die von der SPD zum Teil getragen wurden, gegen die aber alle Gewerkschafter, insbesondere die IG Metall, eintraten. Der Kollege überredete mich schließlich ("Dann treten wir eben gemeinsam wieder aus!") und auch hier ging alles den typisch Goll'schen Weg: Bald war ich Ortsvereinsvorsitzender im Stadtteil, dann SPD-Kreisvorsitzender von Rastatt, Baden-Baden, Bühl, Stadtrat, Fraktionsvorsitzender und stellvertretender Bürgermeister. Später bat man mich, für den Landtag zu kandidieren.

IG Metall Gaggenau: Du sprichst von einem Zeitraum von über 20 Jahren. In der Zwischenzeit bist du 1963 vom "Benz" zur IG Metall Gaggenau als Sekretär gewechselt und warst dort bald 2. und schließlich ab 1980 dann 1. Bevollmächtigter. In den Landtag bist du zum 1. Mal 1984 gewählt worden - gab es somit keine Interessenkonflikte?

Heinz Goll: Franz Steinkühler, damals Bezirksleiter, wollte mich ursprünglich davon abhalten. Ich würde in der Verwaltungsstelle mehr gebraucht als in der Landespolitik, meinte er. Aber für mich ist mein politisches Engagement auch immer eine Frage des Prinzips gewesen. Als Gewerkschafter wollte ich eben nicht nur von der Politik Vorgaben bekommen, sondern diese aktiv mitentscheiden.
Uns als Gewerkschafter kann es nicht egal sein, welche Politik gerade "da oben" gemacht wird - wir treten ja nicht nur mit dem Anspruch an, die Beschäftigten in den Betrieben zu vertreten, sondern wollen ihnen auch ein "Gutes Leben" ermöglichen. Da spielen eben auch Gesetze eine Rolle, die nicht von der Gewerkschaft, sondern von den Politikern gemacht werden. Also müssen wir daran teilhaben, dass nicht nur der Tarifrahmen stimmt, sondern auch der politische Rahmen.
Womit wir bei einem Thema wären, das mich aktuell sehr beschäftigt: Die Entpolitisierung der Gewerkschaften. Ich vermisse hier mitunter heutzutage eine klare politische Haltung.

IG Metall Gaggenau: Aber was ist mit der gewerkschaftlichen Überparteilichkeit? Gerade Richtungsgewerkschaften, wie sie in Weimarer Republik entstanden, sollten doch bei der Gründung des DGB 1949 vermieden werden. Dem Prinzip der Einheitsgewerkschaft verpflichtet, parteipolitisch unabhängig, aber nicht neutral.

Heinz Goll: Genau, nicht neutral. Der DGB ist im Prinzip in den Konzentrationslagern der Nazis entstanden. Damals sagten sich die linken, liberalen und christlichen Gewerkschaftsvertreter, die im KZ einsaßen, dass sie - wenn sie überleben würden - in Zukunft nur noch miteinander, nicht mehr gegeneinander handeln wollten. Deshalb habe ich auch immer wieder während meiner Gewerkschaftszeiten gesagt: Keine Parteipolitik in der Gewerkschaft - aber eine Gewerkschaft ist nun mal kein Kleintierzuchtverein, sondern eine politische Organisation. Und die muss sich auch mit den Zielen solcher Parteien auseinandersetzen, die NICHT mit denen der Gewerkschaft in Einklang zu bringen sind.
Für mich ist jedenfalls klar: Was sich derzeit rechtsaußen in der deutschen Parteienlandschaft tut, ist unvereinbar mit den Grundsätzen der deutschen Gewerkschaften und somit auch der IG Metall. Es muss hier eindeutig Stellung bezogen werden!

IG Metall Gaggenau: Wie beurteilst du die Unterschiede bei einer Gewerkschaft zwischen gestern und heute?

Heinz Goll: Von der Zielausrichtung gibt es eigentlich keine Unterschiede. Die Gewerkschaft ist nach wie vor dazu da, die Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Und der Konflikt mit den Arbeitgebern ist immer noch der gleiche: Der Arbeitgeber will möglichst viel Kapital gewinnen, auch indem er die Lohnkosten so niedrig wie möglich hält. Die Beschäftigten gehen in die Betriebe nicht nur, um zu arbeiten und Geld zum Leben zu verdienen, sondern auch, um ihre Lebenssituation zu verbessern. Es stehen sich zwei Interessenslager gegenüber. Deshalb sind für mich Tarifverträge heute noch nichts als Waffenstillstandsverträge. Man kämpft - übrigens partnerschaftlich, zwischenzeitlich - und dabei versucht jeder das Optimum für seine Seite herauszuschlagen.
Die größten Unterschiede zwischen früher und heute sind jedoch beim Umgang der beiden "Parteien" miteinander auszumachen. Vor Jahrzehnten war der Ton rauer, autoritärer. Die Menschen waren anders erzogen, es gab noch viel mehr "oben" und "unten". Ein Bild, wie es kürzlich in der Zeitung war, auf dem Daimler-Boss Zetsche vor der MB-Gaggenau-Betriebsversammlung ein Selfie mit Betriebsräten macht... das wäre früher völlig unmöglich gewesen.
Ich erinnere mich noch genau an mein Erstaunen, als ich bei einer Betriebsbegehung mit dem jungen Betriebsrat Michael Brecht bemerkte, dass der einen Abteilungsleiter duzte!
Zu groß war früher die Diskrepanz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, jeder war sozusagen in seinem "Schützengraben". Heute wird ganz klar mehr auf Augenhöhe gestritten, man geht dabei viel respektvoller miteinander um. Eine sehr positive Entwicklung.

IG Metall Gaggenau: Also bist du nicht der Meinung, dass früher alles besser war?

Heinz Goll: Nein, von Leuten, die das behaupten, gibt es schon genug. Im Gegenteil, ich bin mir sicher, dass die IG Metall, und insbesondere die Verwaltungsstelle Gaggenau, heute einen Top-Job machen. 24.000 Mitglieder - darauf kann Claudia Peter in diesen Zeiten sehr, sehr stolz sein. Als ich den Posten des 1. Bevollmächtigten an meinen Nachfolger abgab, hatten wir 17.500 Mitglieder in der Region, noch ohne Holz- und Kunststoffe und ohne Daimler Rastatt. Aber das war zu den Hoch-Zeiten unserer gewerkschaftlichen Erfolge. Heute geht es - eben aufgrund dieser Erfolge - den meisten Beschäftigten in der Region wirklich gut - entsprechend weniger gefragt sind paradoxerweise die Gewerkschaften. Es muss heute viel mehr um jedes Mitglied gekämpft werden als früher.

IG Metall Gaggenau: Worauf bist du, Heinz Goll, ehemaliger 1. Bevollmächtigter der IG Metall Gaggenau, heute noch besonders stolz?

Heinz Goll: Dass wir bei allen Streikaktionen immer die Verwaltungsstelle waren, auf die die Bezirksleitung im besonderen Maße zählen konnte. Was übrigens auch heute noch der Fall ist. Und neben tariflichen Errungenschaften wie die 35-Stunden-Woche, Alterssicherung, 13. Monatsgehalt usw. bin ich besonders stolz auf unsere Aktionen wie die, als wir mit 4.000 Beschäftigten aus der Region nach Bonn fuhren (in Sonderzügen und Buskonvois), 4.500 Teilnehmende auf dem Marktplatz in Rastatt oder die Sternmärsche mit über 7.000 Teilnehmern zum Rathaus in Rastatt - das war schon was!

IG Metall Gaggenau: Und was war der vielleicht wichtigste Moment in deiner gewerkschaftlichen Karriere?

Heinz Goll (ohne zu überlegen): Der war eigentlich VOR meiner Karriere. Als mich nämlich mein Vater mehr oder weniger zwang, beim Benz in Gaggenau eine Ausbildung anzufangen. Sonst wäre ich wohl nie zur IG Metall gekommen und hätte wahrscheinlich auch nicht diesen politischen Weg gemacht. Dafür bin ich heute sehr dankbar.

IG Metall Gaggenau: Wenn du so zurückdenkst, gab es eigentlich in deiner gewerkschaftlichen oder politischen Karriere Momente, wo du richtig aufgeregt gewesen bist und dir "die Klammer ging", um es auf gut Badisch auszudrücken?

Heinz Goll: Klar, die gab es. Meine Antrittsrede vor dem Landtag zum Beispiel. Da war ich wirklich nervös, wie man sich denken kann. Die zweite Rede mit hohem Nervositätsfaktor habe ich am Holocaust-Tag in Israel gehalten. Nicht zuletzt, weil kurz zuvor eine Frau mir gegenüber geäußert hatte, dass sie am Holocaust-Tag nun wirklich keine Reden von einem Deutschen hören wolle. Und die 3. Rede, die mir wirklich naheging, hielt ich in unserer Partnerstadt Annemasse am 8. Mai 1970 vor einer großen Delegation von Resistance-Kämpfern. Ich sprach damals auch von der Verantwortung meiner und zukünftiger Generationen, dass so etwas nie wieder passieren dürfe und dass für mich der Mensch zählt, nicht der Ort, wo er geboren wurde. Am Ende der Rede gab es erst zögerlichen, dann tosenden Applaus und schließlich sind alle auf- und um mich herumgestanden, um weiter zu applaudieren. Das kitzelt mich heute noch, kann ich Dir sagen...

IG Metall Gaggenau: Was würdest du der IG Metall allgemein und der IG Metall Gaggenau im Besonderen für die Zukunft empfehlen?

Heinz Goll: Ich bin keiner, der Empfehlungen ausspricht oder Tipps gibt, wie man etwas besser machen könnte. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. In Gaggenau machen alle einen klasse Job. Ich möchte es mal so formulieren: Es hat mich sehr gefreut, dass Claudia Peter bei der letzten Delegiertenversammlung ihre Zuhörer aufgefordert hat, mehr "in die Parteien" zu gehen, mehr Parteiarbeit zu leisten. Damit meine ich - und Claudia bestimmt auch: Nicht Parteipolitik in die Gewerkschaften tragen, sondern Gewerkschaftspolitik in die Parteien! Nur so kommen wir langfristig mit unserer Gewerkschaftsarbeit weiter.

IG Metall Gaggenau: Heinz, wir danken dir für dieses ausführliche Gespräch über "gestern und heute" und wünschen dir alles Gute für die nächsten... Jahre!

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Letzte Änderung: 09.01.2019