"Rock" die Rente

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20.11.2018 Fußball, Handball, Rock'n Roll, Kochen, Angeln und Familie - ein cooles Programm für die Altersteilzeit. Das meint auch Metaller Hans Jürgen Huber und genießt sein Leben in vollen Zügen.

Ist das jetzt arrangiert oder ist das bei Hubers immer so? Ortstermin in Rastatt Niederbühl, früher Nachmittag im späten Herbst: Hans empfängt den Besucher lässig grinsend auf seiner Terrasse und bittet gleich vom Kühlen ins mollig Warme. Im Wohnzimmer brennt der Kaminofen, die Flammen sorgen für heimelige Atmosphäre. Bald stehen dampfende Kaffeepötte auf dem Tisch, später schauen Tochter und Enkelsohn kurz beim Opa vorbei und irgendwann fragt man sich, ob das nicht alles zu viel des Guten sei. Geht's noch beschaulicher für ein Gespräch über das "Leben nach der Arbeit"?

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"Wie es uns passt"

Natürlich ist das bei Hubers immer so! "Wir sind so etwas wie eine große Gemeinschaft im Mehrgenerationenhaus", erklärt Hans die Wohnsituation. "Meine alleinerziehende älteste Tochter lebt hier mit ihrem Sohn im gleichen Haus wie meine Frau und ich, meine jüngste Tochter wohnt ebenfalls mit ihrem Mann und ihren Schwiegereltern im gleichen Gebäudekomplex, direkt nebenan." Dazwischen ein Swimmingpool, reichlich Platz für ein großes Trampolin und nur einen Abschlag entfernt ist der Fußballplatz zu sehen. "Wir machen es uns eben so, dass alles zu uns passt!", fasst Hans zusammen.

Der 60-Jährige strahlt eine Zufriedenheit aus, wie man sie wohl nur empfinden kann, wenn ein Großteil von dem, was man sich über lange Jahre erhofft hat, auch tatsächlich eingetreten ist. "Die Entscheidung für die Altersteilzeit war eine der besten, die ich in meinem Leben getroffen habe", sagt Hans etwas nachdenklich. "Ich kann mir jedenfalls am Ende eines 45-jährigen Berufslebens nichts Besseres vorstellen, als das, was ich gerade lebe."

Nicht zuletzt, weil dieses Berufsleben ein meist "erfülltes" war. Mit zarten 15 Jahren begann Hans eine Lehre zum Maschinenschlosser bei Stierlen in Rastatt. Fünf Jahre später wechselte er zu Mercedes Benz Gaggenau, wo er nächstes Jahr sein 40jähriges Mitarbeiterjubiläum feiern wird. Hans wurde im Presswerk eingesetzt, arbeitete als Maschinen-Selbsteinrichter, später im Rüstvorbereitungszentrum und wurde schließlich Fachausbilder - "weil ich eben mit Menschen und ganz besonders mit jungen Leuten gut kann!"

Ärgerthema: Leiharbeit!

Seit Beginn seiner beruflichen Laufbahn Mitglied in der IG Metall ("damals Ehrensache"), war es nach einigen Jahren für ihn selbstverständlich geworden, sich auch in der Gewerkschaft zu engagieren. Die MB-KollegInnen wählten ihn zum Vertrauensmann, später in die Vertrauenskörper-leitung. "Es gab reichlich zu tun", erinnert sich Hans. "Vor allem, seitdem immer häufiger Leiharbeiter bei uns in der Region eingesetzt wurden."

Womit wir bei einem Thema angekommen wären, bei dem sich die Gemütslage von Hans drastisch ändert. Der zuvor so zufrieden wirkende Altersteilzeitler spricht jetzt ein paar Phon lauter und wirkt sauer: "Was mit den Leiharbeitern in unserer Gesellschaft geschieht, ist für mich nichts Anderes als Sklaverei", stellt er klar. "Diese Menschen werden ausgebeutet und viele KollegInnen mit unbefristeten Verträgen im festen Arbeitsverhältnis schauen schamlos dabei zu. Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter schuften und ackern jahrzehntelang für Hungerlöhne und wenn sie dann älter werden, ist Schluss mit lustig! Von einem Ende des Berufslebens in Würde und mit einer Rente, die für ein gutes Leben danach wirklich ausreicht, können diese Menschen nur träumen", ärgert sich Hans Huber.

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Wie maßgeschneidert

Denn die Zeit nach der Arbeit könne wunderbar sein, sagt Hans und betont, dass so ein "gutes Leben" eben ausnahmslos alle Arbeitnehmer verdient hätten.
"Wer mich auf die Zeit nach der Arbeit anspricht, dem sage ich immer: Wenn Ihr irgendwie könnt, geht so früh in Rente wie nur möglich. Auch wenn ihr finanziell dabei kleinere Einbußen habt. Jetzt seid Ihr noch fit und könnt die Zeit voll nutzen. Und glaubt mir: Ich spreche aus Erfahrung!"
Hans profitiert von einem Altersteilzeitmodell, das er für sich persönlich als "maßgeschneidert" empfindet. Im Alter von 57 bis 60 Jahren arbeitete er für 85 Prozent seines Lohns, von 60 bis 63 arbeitet er nicht mehr, bleibt aber beschäftigt und erhält weiterhin 85 Prozent seines Entgelts ausbezahlt. Ab 63 wird er dann offiziell in Rente gehen, mit einem Abschlag von 10,8 Prozent.

"Natürlich mache ich bei alledem finanzielle Verluste, aber was ist das schon im Vergleich zu der Zeit, die mir jetzt zusätzlich zur Verfügung steht?" Es sei eben auch eine Frage des Lebensplans und der Anforderungen, die man an sich und sein Umfeld stellt, betont Hans.

Er und seine Frau - die übrigens noch einige Jahre in ihrem Beruf als Mitarbeiterin im DGB weiterarbeiten muss - hätten sich niemals großartige Ziele gesetzt. "Wichtig war, dass die beiden Töchter eine Ausbildung erhalten und einen guten Start in ihr eigenes Leben bekommen", erinnert sich Hans. Danach standen nur Dinge auf dem Programm, die man sich auch leisten konnte. Entsprechend frei von finanziellen Sorgen sei man heute.

Angeln, aber keinen Fisch essen!

"Jeden Wochentag, wenn der Wecker in aller Herrgottsfrühe für meine Frau klingelt, drehe ich mich nochmal wohlig im Bett um", beschreibt Hans Huber den Beginn seines Alltags als "Altersteilzeitler in der passiven Phase". Nach dem meist späten Frühstück folgen dann Hausarbeit ("jaaaa, Hausarbeit!"), an manchen Tagen holt er seinen Enkel von der Kinderschule ab, kocht Essen und kümmert sich um ihn. Weitere enthusiastisch betriebene Beschäftigungen im Leben des Altersteilzeitlers: Angeln ("Ich esse allerdings keinen Fisch!"), Fußball ("nur noch passiv wegen kaputtem Knie; die letzten Spiele in der Altherrenmannschaft machte ich mit 50"), Handball ("immer wenn meine Tochter spielt"), Kochen ("kann ich richtig gut!"), Blues- und Rockmusik ("Das letzte Gary Moore-Konzert war irre!") und überhaupt Musik hören.
"Im Feiern sind wir richtig gut hier", schwärmt er. "Und Rockmusik kann man bekanntlich nur extralaut genießen. Meistens kommt dann aber meine Tochter aus ihrer Wohnung runter und meckert, ob's nicht leiser ginge... grins!"

Versucht's mal mit Rockmusik!

Ob wir noch etwas zum "Leben nach der Arbeit" vergessen haben, wird abschließend gefragt. Hans überlegt ein paar Sekunden und fragt dann ironisch: "Du hast mich gar nicht gefragt, ob ich noch Mitglied in der Gewerkschaft bin!" Denn genau das sei ein weiteres Aufreger-Thema bei ihm: der relativ hohe Prozentsatz an Metaller-KollegInnen, die mit Beginn der Rente aus der Gewerkschaft austreten. "Dabei gibt es noch Einiges zu tun, auch im etwas gesetzteren Alter!"
Nach kurzem Nachdenken fügt er eher leise hinzu: "Ich muss aber zugeben, dass ich zwar weiterhin als Delegierter aktiv bin, mich aber noch nicht zum IG Metall-Seniorentreff getraut habe. Irgendwie fühle ich mich noch zu jung", sagt Hans schulterzuckend.
Vielleicht sollten es die Senioren mal mit einem knackigen Rockmusik-Abend versuchen. The Doors, Jimi Hendrix, Led Zeppelin und Deep Purple kann Hans Huber bestimmt nicht widerstehen...

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Hans Juergen Huber

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Letzte Änderung: 20.11.2018