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IG Metall Gaggenau

IG Metall Geschäftsstelle Gaggenau



Endlich Konsequenzen ziehen!

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22.10.2018 Christian Herbon, Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall Gaggenau, über die Situation des KFZ-Handwerks, den Dieselskandal, die Elektromobilität und mangelnden Entscheidungswillen in der Politik.

IG Metall Gaggenau: Wenn unsere Region mit "automotiv" bezeichnet wird, dann sind in erster Linie die Automobilhersteller und deren Zulieferer gemeint. Dabei hat das KFZ-Handwerk daran einen nicht unerheblichen Anteil. Auch wenn sich die Frage zu Beginn unseres Gesprächs etwas lapidar anhören mag: Wie viele KFZ-Handwerksbetriebe gibt es denn im Betreuungsbereich der IG Metall Gaggenau?

Christian Herbon: Wir betreuen das Autohaus Gerstenmaier mit sieben tarifgebundenen Standorten - VW (Baden-Baden, Rastatt), Audi (Rastatt, Baden-Baden), Seat/Skoda (Bühl, Gaggenau), Porsche (Baden-Baden). Weiterhin Wackenhut mit den beiden Standorten Baden-Baden (ehemalige Daimler-Niederlassung) und Gaggenau. Darüber hinaus gibt es einige weitere KFZ-Handwerksbetriebe, die von uns im gewerkschaftlichen Sinne aber noch nicht erschlossen sind.

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IG Metall Gaggenau: Bei Wackenhut Rastatt soll es zur Zeit Kontroversen geben?

Christian Herbon: Uns, der IG Metall ist es wichtig, das KFZ-Handwerk im gewerkschaftlichen Sinne auszubauen und Tarifbindungen zu stärken, um die Attraktivität des Handwerks und die Sicherheit für Beschäftigte verbessern. Derzeit laufen jedoch bei Wackenhut, die 2015 ihre Standorte in der Region von Daimler übernommen haben, die ersten Vereinbarungen aus: Aufstockungsbeträge, Arbeitszeiten etc. - kurz: die klassischen Übernahmethemen.
Nun wurde bekannt, dass Wackenhut mit dem Gedanken spielt, aus dem Arbeitgeberverband auszutreten um somit die Tarifbindung aufs Spiel zu setzen. Dies würde bedeuten, dass mehrere Hundert Beschäftigte von einem Tag auf den anderen nicht mehr tarifgebunden wären. Gleichzeitig merken wir, dass die Beschäftigten in den Betrieben zunehmenden Wert auf die IG Metall legen, um sichere Einkommen und gute Arbeitsplätze zu erhalten. Das regionale KFZ-Handwerk ist also buchstäblich in Bewegung und die IG Metall hat dabei einen Organisationsgrad, der es uns erlauben wird, "Vollgas" zu geben. Das führt natürlich zu gewissen Reibereien.

IG Metall Gaggenau: Gibt es noch weitere KFZ-Handwerksbetriebe und/oder Autohäuser in der Region, bei denen gewerkschaftlicher Handlungsbedarf besteht?

Christian Herbon: Klar, wir haben noch einige "Kandidaten". Mir schwebt dabei ein großes Autohaus vor, das bereits in anderen Standorten tarifgebunden ist, sich in unserer Region jedoch noch stark zurückhält. Namen will ich jetzt aus naheliegenden Gründen nicht nennen. Und auch bei etlichen kleineren Betrieben, etwa in den Gewerbegebieten von Rastatt, besteht offensichtlicher Gesprächsbedarf unter den Beschäftigten.

IG Metall Gaggenau: Wie groß müssen KFZ-Handwerksbetriebe eigentlich sein, damit sich die IG Metall Gaggenau engagiert?

Christian Herbon: Im Prinzip gibt es da kein Limit. Wir sind in Betrieben mit 25 Mitarbeitern genauso wie mit 350 Mitarbeitern aktiv. Allerdings ist es natürlich tarifpolitisch unser erstes Ziel, die großen Autohaus-"Ketten" gut bzw. besser zu organisieren.

IG Metall Gaggenau: Seitens der KFZ-HandwerkerInnen ist immer wieder zu hören, dass sie "nicht so gut dastehen" wie die KollegInnen bei den Automobilherstellern?

Christian Herbon: Die Situation beider Beschäftigtengruppen ist eigentlich nur thematisch vergleichbar. Was Bezahlung, Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen betrifft, gibt es im Handwerk noch einigen Nachholbedarf. Und besonders krass stellt sich die Situation für die KFZ-Handwerker bei der Ausbildung dar. Sprüche wie "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" oder "Der Azubi macht das schon!" hört man hier noch öfter. Die Qualitätsunterschiede zu den Industriebetrieben sind jedenfalls mitunter eklatant.

IG Metall Gaggenau: Und dennoch hat die IG Metall schon einiges erreicht. Man denke nur an die vereinbarte Übernahme aller Auszubildenden nach Abschluss ihrer Ausbildung für mindestens ein Jahr.

Christian Herbon: Sicherlich sind einige Erfolge in der Branche zu verbuchen! Dennoch gibt es Auf- und Nachholbedarf. Man kann das gut anhand der Situation der Wackenhut-Mitarbeiter vergleichen. Sie waren ja früher Daimler-Beschäftigte und genossen so in einem Autohaus auch die tariflichen Standards der Metall- und Elektro-Industrie. Veränderungen gab es schon vor dem Verkauf an Wackenhut in Richtung KFZ-Handwerk. Unser Ziel ist natürlich immer die Sicherheit der Arbeitsplätze und faire Arbeitsbedingungen zu erreichen.
Im Autohaus Gerstenmaier werden die Tarifergebnisse dagegen sehr gut angenommen. Das merkt man u.a. auch daran, dass sich die Beschäftigten mehr und mehr in der IG Metall und im Betrieb engagieren.
Was nun die Übernahme und Perspektive der Auszubildenden anbelangt muss erwähnt werden, dass insbesondere KFZ-Mechatroniker auf dem Markt sehr gefragt sind. Junge KFZ-Mechatroniker verspüren also nicht den Druck wie etwa Auszubildende in anderen Berufssparten der Industrie. Sie sind einerseits sehr gefragt, auch weil sie schwierige ergonomische Arbeiten in jungen Jahren leichter erledigen als in gesetzterem Alter; denken wir nur an die Beispiele "Reifenwechsel" oder "Arbeiten über Kopf". Deshalb setzen die meisten Betriebe sowieso schon darauf, dass die Auszubildenden in die Betriebsstrukturen hineinwachsen.

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IG Metall Gaggenau: Das große Thema der letzten Monate war und ist der Dieselskandal. Natürlich auch im KFZ-Handwerk, oder?

Christian Herbon: Ohne Frage wurde hiermit eine regelrechte Krise im KFZ-Handwerk ausgelöst. Was die großen Konzerne verbockt haben, muss das Handwerk ausbaden. Das lässt sich ganz klar in den Auftragseingängen nachweisen. Viele Betriebe haben sich in den vergangenen Krisenmonaten nur mit Serviceleistungen wie Instandhaltungen, TÜV etc. über Wasser halten können. Der Neuwagenverkauf ist jedoch stark eingebrochen. Die größte Problematik dabei sind die langen Standzeiten der Fahrzeuge. Mit jedem Tag, an dem das Auto "auf dem Hof" unverkauft bleibt, entsteht ein Gewinnverlust.
Früher war das so, dass man die Fahrzeuge, deren Absatz nur schleppend voranging, nach Osteuropa verkauft hat. Dort wurden sie mit Kusshand genommen. Diese Situation hat sich aber mittlerweile geändert: Die Abnehmer-Länder haben mitgekriegt, dass es ein Dieselproblem gibt und "schrauben" an den Preisen. Die Gewinnmöglichkeiten sind hier nur noch marginal für unsere Autohäuser.

IG Metall Gaggenau: Hat das zu einem Umdenken bei den Autohäusern geführt?

Christian Herbon: Unbedingt. Mittlerweile kaufen die Autohäuser viel vorsichtiger ein, haben aber nach wie vor mit den Diesel-Rückläufern etwa aus Leasingverträgen von vor zwei bis vier Jahren "zu kämpfen". Diese Fahrzeuge verkaufen sich nur noch sehr schlecht.

IG Metall Gaggenau: Was muss geschehen?

Christian Herbon: Es muss eine politische Lösung her. Für uns als Gewerkschafter ist in erster Linie wichtig, dass es den Beschäftigten nicht "an den Kragen" respektive an den Job geht. Wo Käufer getäuscht wurden, kann es nicht sein, dass die Beschäftigten die Leidtragenden sind. Die IG Metall muss und wird nun dafür sorgen, dass die Beschäftigten als schwächstes Glied in der Kette nicht ihren Arbeitsplatz oder tarifliche Leistungen verlieren werden.

IG Metall Gaggenau: Ohne etwas schönreden zu wollen: Krisen sind oft genug auch Grund zum Umdenken und haben zu Positivem bei den Betroffenen geführt. Könnte etwa die Elektromobilität das KFZ-Handwerk aus seiner Krise befreien?

Christian Herbon: Kurzfristig wohl kaum. Das KFZ-Handwerk ist ja auf aktuellen Bedarf ausgerichtet. Und der spielt sich nach wie vor bei Verbrennungsmotoren ab. Auch in den nächsten Jahren werden noch zu einem Großteil Diesel und Benziner verkauft - daran zweifelt derzeit niemand. Selbst wenn von einem Tag auf den anderen nur noch Elektrofahrzeuge verkauft würden, müssten die KFZ-Handwerker dennoch weiterhin auch an alten Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren arbeiten.
Die Elektromobilität wird sowieso ihre größte Rolle in den Großstädten spielen - in eher ländlichen Regionen wie der unseren dürfte der Wandel zum Elektro noch eine Weile dauern.

Das größte Problem in Deutschland sind m.E. die verschiedenen Ladesäulen, Stecker und Bezahlsysteme. Dass man zig verschiedene Ladesäulenarten zur "Auswahl" hat, um von Kiel an den Bodensee zu gelangen, ist ein Unding. Andere Länder machen es uns vor: Ein einheitliches System - die Politik ist auch hier mit klaren Lösungen gefragt!

Derzeit wird das Thema Elektromobilität im KFZ-Handwerk genau beobachtet, jedoch spielt es Stand heute eine sehr geringe Rolle in den Werkstätten. Was jedoch nicht heißen soll, dass man sich nicht auf diese mit Sicherheit kommende Technik vorbereiten sollte. Es gibt hierfür eine Menge neuer Herausforderungen, wenn diese auch vorerst keine aktuellen Probleme lösen werden.
Beim Blick nach vorn darf allerdings nicht übersehen werden, dass etwa Berufe wie die heute so gefragten Mechatroniker in der Elektromobilität deutlich seltener gebraucht werden. Ein Strukturwandel, der starke Veränderungen in diesem Berufsbild nach sich ziehen wird. Entsprechend früh muss mit Qualifizierungsmaßnahmen begonnen und in der Ausbildung neue Wege beschritten werden. Ich bin mir aber sicher, dass im beiderseitigen Interesse für entsprechende Qualifizierung und Fortbildung gesorgt wird.

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IG Metall Gaggenau: Und fast schon Traditionelles zum Schluss - wenn die gute Gewerkschaftsfee Dir einen Wunsch erfüllen würde, welchen würdest Du wählen?

Christian Herbon: Ich würde mir wünschen, dass in diesem Dieselskandal endlich Fehler eingestanden, Verantwortung gezeigt und Konsequenzen gezogen werden. Und die Politik im Sinne der Autobesitzer und der Beschäftigten im KFZ-Handwerk agiert.

IG Metall Gaggenau: Christian, wir danken für dieses Gespräch.

Letzte Änderung: 22.10.2018


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Telefon: +49 (7225) 9687-0 | Telefax: +49 (7225) 9687-30 | | Web: www.gaggenau.igm.de

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