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IG Metall Geschäftsstelle Gaggenau



"Karriere" bei der BGHM?

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16.08.2018 Ein Gespräch mit Bernhard Wagner, BR bei Daimler Rastatt und Vorsitzender des Vorstandes bei der BGHM, über Gesundheitsgefahren, Karriere, Generationenwechsel, Regularien und Stammtischparolen.

IG Metall Gaggenau: Bernhard, du hast "Karriere" bei der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) gemacht? Oder nennt man das nicht so?

Bernhard Wagner: (lacht) Also, ich würde das vielleicht als eine gewisse "Entwicklung" bezeichnen. Und die Richtung zu dieser Entwicklung habe ich eigentlich schon früh eingeschlagen. Ich hatte ja ein "Leben vor Daimler", bin klassisch ausgebildeter Anästhesie-Pfleger und habe dann meine notfallmedizinischen Ausbildungen im Rettungsdienst gemacht, war dort einige Jahre tätig und bin dann über die Arbeitsmedizin zu Daimler gekommen. Nach einigen Jahren Tätigkeit beim werksärztlichen Dienst wurde ich dann zum Betriebsrat gewählt und kurz darauf sprach mich die IG Metall an, dass man kompetente Leute in der Berufsgenossenschaft brauchen könne. Ich fand das alles sehr spannend, und so kam ich dann in die Selbstverwaltung der Berufsgenossenschaft.

IG Metall Gaggenau: Wie muss man sich das vorstellen - Selbstverwaltung?

Bernhard Wagner: Das ist eigentlich so ähnlich wie im Bundestag. In einer Art Parlament sitzen 30 Arbeitgeber- und 30 Arbeitnehmervertreter aus den Branchen Metall- und einem Teil der Elektroindustrie, Maschinenbau, Hütten- und Walzwerke, Holzindustrie, Schreinerei, Schiffswerften... Es sind also so ziemlich alle vertreten, die mit Holz- und Metall zu tun haben. In dieser Vertreterversammlung, diesem "Parlament", war ich einige Jahre aktiv, insbesondere auch bei Renten- und Widerspruchsausschüssen. Wenn also Versicherte Leistungen von uns erhalten, wird das der Berufsgenossenschaft in "Bescheiden" mitgeteilt und wir haben das in den Ausschüssen zu überprüfen. Das habe ich ein paar Jahre lang gemacht, bis der damalige Vorstandsvorsitzende bei mir nachfragte, ob ich nicht im Vorstand mitarbeiten wolle, da ich mich mit meiner "großen Gosch" des öfteren in den Ausschüssen hervorgetan hatte.

IG Metall Gaggenau: Vorstand? Das hört sich nach steilem Aufstieg an.

Bernhard Wagner: Ja, vor allem was den Arbeitsaufwand betrifft. Der Vorstand ist ebenfalls paritätisch besetzt, also 12 Arbeitnehmer- und 12 Arbeitgebervertreter. Ich war dann als einer von den 12 Arbeitnehmervertretern vier Jahre in der Rolle eines Stellvertreters aktiv. Man muss in dieser Position zusätzliche Aufgaben übernehmen. Wir haben in unserer Berufsgenossenschaft neun eigene Kliniken und drei Reha-Einrichtungen, die zwar jeder und jede nutzen können, die aber als Schwerpunktkliniken für Berufsunfälle und -krankheiten gelten. Für die war ich im Sinne der Berufsgenossenschaft in verschiedenen Bereichen zuständig. Es folgten vier Jahre als ordentlicher Vorstand, bis ich im Herbst letzten Jahres vom Vorstand zu einem der beiden, alternierenden Vorsitzenden des Vorstandes der Vertreterversammlung gewählt wurde. Seitdem leite ich gemeinsam mit Prof. Kressel -Arbeitgeberseite- die Geschicke der größten Berufsgenossenschaft Deutschlands, welche von Kiel bis Garmisch-Partenkirchen reicht.

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IG Metall Gaggenau: Angesichts der eben genannten hohen Anzahl unterschiedlicher Branchen, die bei euch zusammenkommen, ist das bestimmt eine diffizile Aufgabe.

Bernhard Wagner: Sagen wir es mal so: Es wird reichlich Basis-Demokratie gelebt! Jeder will natürlich seine ganz besonderen, ureigenen Interessen vertreten und mir fällt im Prinzip die Aufgabe zu, das alles unter einen Hut zu bringen.

IG Metall Gaggenau: Mal ganz nebenbei nachgehakt, läuft das alles noch unter ehrenamtlich? Auf so einem Posten müssen doch entsprechende Gelder fließen, oder nicht?

Bernhard Wagner: Nein, das ist und bleibt ehrenamtlich. Ich bin weiterhin bei Daimler angestellt, kann aber meine Arbeiten für die BGHM im Rahmen meiner Betriebsratstätigkeiten erledigen. Das ist alles im Sozialgesetzbuch festgelegt. Letztendlich kommt ja mein Engagement bei der BGHM auch den KollegInnen in der Belegschaft hier bei Daimler zugute. Denn jeder, der Probleme etwa mit der Anerkennung einer Berufskrankheit oder eines Betriebsunfalls hat, kann sich von mir beraten lassen. Und davon wird auch reger Gebrauch gemacht.

IG Metall Gaggenau: Nun hat bei den letzten Sozialwahlen auch bei Euch in den Berufsgenossenschaften ein Generationenwechsel stattgefunden.

Bernhard Wagner: Stimmt. Wir hatten altersbedingt rund 50 Prozent Wechsel in der Selbstverwaltung der BGHM und 35 Prozent sind völlig neu im Gefüge unserer Berufsgenossenschaft. Es entstand also eine ähnliche Situation wie wir sie kürzlich in vielen Betrieben der Region bei den Betriebsratswahlen erlebt haben. Viele neue KollegInnen müssen mit den umfangreichen Regularien und vielfältigen Aufgaben einer Berufsgenossenschaft - wir sind eine Behörde, kein Betrieb! - überhaupt erst bekanntgemacht werden, man muss ihnen Zeit lassen, sich in die Thematik einzuarbeiten. So mancher hat sich das im Vorfeld etwas einfacher vorgestellt.

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IG Metall Gaggenau: Ist das derzeit deine größte Herausforderung als Vorsitzender des Vorstandes?

Bernhard Wagner: Mich persönlich beschäftigen momentan anstehende Regeländerungen. Es geht beispielsweise um eine Novellierung bei den Einsatzzeiten von Sicherheitskräften, von Betriebsärzten, medizinischem Hilfspersonal. Zudem wird es neue Regeln für Schweißarbeiten geben, nachdem nun endgültig nachgewiesen wurde, dass die meisten der beim Schweißen auftretenden Dämpfe und Rauche krebserregend sein können. Es geht also um neue Grenzwerte, die eingehalten werden müssen und Ähnliches.

IG Metall Gaggenau: Nehmen wir doch das Thema "Schweißen" als Beispiel. Müsst Ihr als Berufsgenossenschaft in so einem Fall eigene Forschungen betreiben, also beispielsweise selbst die Grenzwerte bemessen?

Bernhard Wagner: Es gibt den Dachverband (DGUV) der neun gewerblichen Unfallversicherungen und neun Unfallkassen, zu denen wir von der BGHM gehören. Der DGUV vergibt Forschungsaufträge, gibt uns die Ergebnisse weiter, wir sprechen diesbezügliche Empfehlungen aus und geben diese an die zuständigen Ministerien weiter. Für uns gilt in so einem Fall als Prämisse: Der Arbeitsplatz muss so aufgebaut sein, dass daraus keine Gesundheitsgefahr entstehen kann.
Wir im Ehrenamt haben also ganz gezielt die Möglichkeit, auf die Vorschriften von der Berufsgenossenschaft Einfluss zu nehmen.
Nehmen wir ein anderes Beispiel: Hautkrebs durch erhöhte UV-Belastung. Wir haben im letzten Jahr eine Vielzahl von Probanden in unterschiedlichen Berufsgruppen mit Sensoren ausgestattet, die immer dann angelegt wurden, wenn im Freien gearbeitet wurde. So konnte dann offiziell nachgewiesen werden, dass z. B. Dachdecker eine deutlich höhere UV-Belastung haben als andere Berufsgruppen. Dies hat wiederum zur Folge, dass in solchen Berufsgruppen Hautkrebs als Berufskrankheit anerkannt wird.

IG Metall Gaggenau: Welches war denn dein ganz persönliches Highlight im Laufe der letzten Jahre? Worauf bist du so richtig stolz?

Bernhard Wagner: Das mag sich jetzt wenig spektakulär anhören, war aber eine echte Mammutaufgabe, mit deren Bewältigung ich mehr als zufrieden bin: Die Fusion von vielen kleinen Berufsgenossenschaften zur heutigen BGHM. Wir haben das innerhalb eines Jahres geschafft, die einzelnen Interessensgebiete zu bündeln und daraus eine Berufsgenossenschaft zu machen, die alle uns angeschlossenen Berufsgruppen vertritt. Der Clou war, dass dieser Zusammenschluss gleich funktioniert hat. Heute sind wir im dritten Jahr nach der Fusion und es läuft alles weiterhin wie geschmiert.

IG Metall Gaggenau: Wie sieht denn die Zusammenarbeit zwischen Dir als Arbeitnehmervertreter bei der BGHM und der IG Metall aus? Läuft da alles reibungslos?

Bernhard Wagner: Wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich immer die Dinge beim Namen nenne. Und wenn ich nun sage, dass wir eine fantastische Zusammenarbeit mit der IG Metall haben, dann ist das auch wirklich so gemeint. Wir erhalten jegliche Unterstützung mit sehr, sehr viel know-how durch speziell für uns eingerichtete Beratungsgremien bei der IG Metall in Frankfurt. Und im Gesamtgefüge der IG Metall sind wir hier im Süden eine Art "Leuchtturm" - nicht zuletzt auch durch Kampagnen wie der ehemalige "Tatort Betrieb". Genauso gut funktioniert übrigens die Zusammenarbeit auf regionaler Ebene - die IG Metall Gaggenau ist immer für uns da. Alles bestens also - im Moment fällt mir nur der Wunsch nach einem "Tag des Arbeitsschutzes" ein, an dem sich die Interessenvertreter aller Metaller-Betriebe der Region treffen und von uns über aktuelle Themen und Neuerungen informiert werden. Das wäre sowas wie ein Sahnehäubchen.

IG Metall Gaggenau: Gibst du den MetallerInnen in der Region noch einen Tipp in Sachen "Berufsgenossenschaft"?

Bernhard Wagner: Da kann ich ganz spontan antworten: Hört nicht auf Stammtischparolen! Beliebtes Thema "Was ist ein Wegeunfall und was ist kein Wegeunfall?" Wo fängt der Weg zur Arbeit an? Bin ich versichert, wenn ich auf meinem Weg zur Arbeit am Auto den Luftdruck überprüfe? Oder nur, nachdem ich wieder den Blinker gesetzt habe und auf die Straße einbiege, die mich direkt zur Arbeitsstätte bringt? Da gehen die Meinungen meilenweit auseinander, es gibt aber nur eine Wahrheit. Leider gibt es im Zusammenhang mit der Gesundheit im Berufsleben immer mehr selbsternannte Fachleute, die am Stammtisch gerne mal mit fadenscheinigen Tipps und Tricks auftrumpfen. Informiert euch bei Fragen - und mögen sie auch noch so unwichtig erscheinen - lieber direkt bei uns. Und gerne auch direkt bei mir:

bernhard.b.wagner@daimler.com

IG Metall Gaggenau: Bernhard, wir danken dir für dieses informative Gespräch. Auf bald beim "Arbeitsschutztag" in der Region.

Website Berufsgenossenschaft Holz und Metall

Letzte Änderung: 16.08.2018


Adresse:

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Telefon: +49 (7225) 9687-0 | Telefax: +49 (7225) 9687-30 | | Web: www.gaggenau.igm.de

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